ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Wunderbare Unvollkommenheit - Das ZEN-Buch der Lebenskunst

Anlage zum "ZENtrum Aktuell 7/8 2011
Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell", Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums eng verbunden sind. Das hier vorgestellte Zen-Buch der Lebenskunst ist in besonderer Weise mit dem Geist des ZENtrums verbunden.

Margrit Irgang

Magrit Irgang ist eine vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Meditationslehrerin, praktiziert seit 1984 Zen, u.a. bei Thich Nhat Tanh. Sie gibt Seminare zu den Themen Achtsamkeit und Spiritualität.

Wunderbare Unvollkommenheit / Das Zen-Buch der Lebenskunst

Einleitung zum Buch

Es gibt viele Bücher über Zen und über einem Leben aus dem Zengeist. Dieses Buch beeindruckt vor allem durch seine Nähe zum Alltag und dem Umgang mit Herausforderungen, denen Menschen in ihrem Leben begegnen. Die Autorin vergleicht den Umgang mit diesen Herausforderungen mit denen eines Künstlers. Das ganze Leben wird dann zu einem Kunstwerk. Zen bietet das "Handwerkszeug", um zu diesem Lebenskünstler zu werden. Die folgenden Zitate geben nur einen kleinen Eindruck von den vielen Anregungen und Beispielen, die Margrit Irgang hier mit diesem Zen-Buch der Lebenskunst vermittelt. Es scheinen überwiegend Weisheiten, die die Autorin aus eigenen Erfahrungen auf ihrem Lebensweg erkannt und entwickelt hat. Wer sie lebt, wird zu diesem Lebenskünstler.

Die einzelnen Zitate wurden einem bestimmten Thema zugeordnet, das in der Überschrift erkennbar ist.

Ein-Stimmung der Autorin

"Ich möchte in diesem Buch über etwas ganz Einfaches sprechen. Es ist so einfach wie, sagen wir, ein Hammer oder ein Messer......
Diese einfache Sache nennt man Achtsamkeit. Sie ist die Basis der meisten meditativen Wege; sie ist vor allem die grundlegende Praxis des Zen....."
Was können wir erfahren, wenn wir Zen praktizieren? Wir können das Leben erfahren. Leben ist nicht unser Alltag von null bis vierundzwanzig Uhr, auch nicht unser Leben von der Geburt bis zum Tod, obwohl beides zu ihm gehört. Leben ist das große Werden, der ständige Fluss alles Seienden, von dem wir selbst ein Teil sind, und es enthüllt sich in den Phänomenen der Welt."
"Dem Zen geht es um die radikale Transformation unserer Persönlichkeit auf Grund einer direkten und spontanen Erfahrung. Die Grundfrage des Zen ist die wichtigste, die es gibt: 'Wer bin ich?'
Das Zen gibt keine Antwort darauf. Die Antwort müssen wir selbst geben, und zwar in jedem Augenblick aufs Neue. Wenn wir begreifen, dass es unsere Aufgabe ist zu antworten, werden wir nicht in die Falle gehen zu glauben, die Antwort zu 'haben'."

Zen und Achtsamkeit

"Das Zen ist nicht in Worten zu finden, es wird nur hellwach im gelebten Augenblick erfahren. Der voll gelebte Augenblick ist Zen."
"Achtsamkeit hat keinen Inhalt. Sie besteht nicht darin, Geboten zu folgen und ein moralisches Leben zu führen - obwohl sie von einer Ethik begleitet wird und ein heilsames Verhalten sich bei ihrem Gebrauch ganz natürlich einzustellen pflegt. Achtsamkeit ist vielmehr eine reine Energie. Sie erzeugt Wachheit, Klarheit, Scharfsichtigkeit....“

"Achtsamkeit ist der Lichtstrahl, mit dem wir unsere Dunkelheit erhellen; sie das Schwert, mit dem wir unserer Verstrickungen durchschneiden."
"Achtsamkeit ist auch eine heilende Energie: Wenn wir unsere Schmerzen und Verwirrungen mit Achtsamkeit berühren, findet Heilung statt, ganz von selbst."

"Es gibt eine weitere Antwort der alten Zen-Meister auf die Frage, was Zen ist. Sie lautet: 'Geh weiter!'. Wenn deine Unachtsamkeit dir einen Verlust und der Verlust dir brennenden Schmerz beschert hat: Geh weiter! Was sonst willst du tun? Wenn dir deine Unaufmerksamkeit radikal bewusst wird und du bereit bist, ihre Folgen auszuhalten, dann ist dein Aushalten Achtsamkeit."

"Zen ist keine Philosophie und bietet keine Theorie. Zen verlangt von uns, uns mit Haut und Haaren auf die Erfahrung der inneren und äußeren Welt einzulassen. Nur was wir wirklich erfahren haben, wird uns und unser Leben verwandeln - in ein Kunstwerk, wenn wir es gelernt haben, mit unserem Handwerkzeug Achtsamkeit klug und genau umzugehen."

Das Leben als Kunstwerk

"Tief innen wissen wir genau, was unser Leben braucht und wie es sich anfühlen muss, wenn es ein Kunstwerk genannt werden darf.
Wir wissen, wir brauchen Frieden, Stabilität und Heiterkeit; wir brauchen Gelassenheit und Geduld, Freundlichkeit, Freude, Mitgefühl und Leidenschaft. Und - wenn das nicht zu unbescheiden ist - die überströmende Liebe und die absolute Freiheit von allem, was uns daran hindert, die Aufgaben zu erfüllen, die das Leben uns stellt."

"Der Tag, auf den Sie am Abend zurückblicken, ist ihr Kunstwerk: Ihre Skulptur, Ihr Konzert, Ihre Geschichte. Ihr Tag enthält genau das, was Sie in ihn hineingegeben haben."
"Ein Künstler des Lebens macht seine Steuererklärung, bezahlt seine Rechnungen, steht eine Viertelstunde in der Schlange im Supermarkt und weiß: Dies ist mein Leben. Der Tag, auf den er am Abend zurückblickt, wird sein Einverständnis enthalten: als Glanz, der über den Dingen liegt, die einfach so sind, wie sie sind."

Zen und Denken

"Im Zen gilt das Denken als eine Tätigkeit der Sinne. Auch das, was wir den ganzen Tag lang so vor uns hindenken, kann uns enorm beschmutzen. Ein kluger Zen-Praktizierender entscheidet in jedem Augenblick selbst, welchen Sinneseindruck er einladen will. Wir können Fragen stellen wie: Will ich mir jetzt über meine ungeklärte Zukunft Sorgen machen? Ist dieser Film jetzt der richtige für mich? Kann ich mir den Besuch bei einer Freundin, die pausenlos redet, leisten? Oder rufe ich sie lieber an und bestimme selbst über die Länge des Gesprächs? Wir dürfen nicht vergessen, es sind die Sinneseindrücke, die zu Gefühlen führen. Wenn wir auf einmal wütend oder traurig sind, dann ist es die 'Nahrung', die wir eingenommen haben, dafür verantwortlich. Einem unangenehmen Gefühl die Nahrung zu entziehen, ist immer ein guter Weg es auf sanfter und beiläufiger Weise zu verwandeln."

Die Beziehung zu uns selbst

"Wir alle sind Begleiter, und der einzige Mensch, den wir durch unser ganzes Leben begleiten, sind wir selbst. Wie sprechen wir mit uns, was werfen wir uns vor, wie oft setzen wir uns herab, fühlen uns unzulänglich, nicht liebenswert?"
"Der Dalai Lama sagte einmal, was ihn bei seiner Begegnung mit westlichen Menschen am meisten verwundern würde, sei ihre geringe Selbstachtung. Diese Schwäche sei in keiner Weise im Einklang mit der Lehre des Buddha, nach der unser wahres Wesen strahlend und seit jeher erleuchtet ist."
"Wenn wir uns kritisieren, haben wir uns von unserem inneren Licht getrennt. Deshalb müssen wir lernen, uns selbst zu unterstützen und uns den Arm reichen, wenn wir stolpern. Wie wir das machen? Indem wir atmen und gehen und zurückkehren zum gegenwärtigen Augenblick. Jetzt. Und jetzt. Und jetzt."

Die Bedeutung jedes Augenblickes

"Unsere Wachheit im Augenblick ist die beste Unterstützung, die wir uns geben können."
"Dieser Augenblick ist immer zu ertragen. Er ist, was er ist: Reines Leben. Geranie, Parkett, Wasserhahn, Fliege. Haben Sie je bemerkt, in welcher Fülle wir eigentlich leben? Interesse und Neugier zu entwickeln ist ein gutes Mittel gegen Angst."
"Wenn wir zum Augenblick zurückkehren, geben wir dem Leben Raum, in uns zu wirken. Wenn wir das Grübeln und die Besorgnis loslassen, hören wir die leise Stimme in uns, die uns sagt, was wir jetzt zu tun haben....Wir können sie, wie Sogyal Rinpoche, die Stimme unseres inneren Meisters nennen."

Alleinsein und Einsamkeit

"Die meisten Künstler lieben es, allein zu sein." - "Es ist das Wunder, in den unbegrenzten Raum des Lebens einzutreten, der sich öffnet, wenn wir allein sind."
"In der Stille und Geborgenheit unseres Alleinseins wagen sich Fähigkeiten in uns empor, die zu subtil sind für den täglichen Gebrauch....Wir begreifen die Zusammenhänge hinter den Geschehnissen. Wir hören die Antwort auf nie gestellte Fragen und stellen Fragen, die wir nicht zu haben glaubten. Wenn wir uns einmal vertrauensvoll unserem Alleinsein überlassen haben, werden wir es immer wieder tun; es wird Freude, Nahrung und Inspiration sein."

"Und dennoch haben viele Menschen Angst vor dem Alleinsein. Die Angst hat natürlich etwas zu tun mit den Ängsten, die bevorzugt dann in uns erscheinen, wenn wir alleine sind......
Alleinsein wird häufig mit Einsamkeit verwechselt: Ein Zustand der Sehnsucht und Ruhelosigkeit, den wir schleunigst beenden wollen. Einsamkeit ist Mangel: Wir sind von etwas abgeschnitten, das wir dringend brauchen. Das Gefühl des Mangels ist berechtigt, denn in der Einsamkeit sind wir abgeschlossen von der Verbundenheit mit der Welt und anderen Menschen - wir sind abgeschnitten vom All-ein-Sein. Einsamkeit ist der verschlossene Raum, in dem wir gefangen sind. Alleinsein ist die offene Weite, in der wir uns mit allem verbunden wissen und uns dennoch frei bewegen können. Was verengt unser Alleinsein immer wieder zur Einsamkeit? Es ist unser mangelndes Vertrauen in den gegenwärtigen Augenblick: in seine Fähigkeit, uns zu nähren, zu tragen und zu schützen.
Wie aber finden wir dieses Vertrauen, wenn die Angst uns, sobald wir allein sind, in ihre Krallen nimmt? Wir benutzen unser Handwerkszeug Achtsamkeit und gehen auf ein Retreat. Ein Retreat ist ein wunderbarer Übungsort für das Alleinsein, vor allem ein Schweige-Retreat."

"Die Haltung des Alleinseins öffnet uns für den gegenwärtigen Augenblick, für seine Zumutungen und seine Verführungen, seine Glanz und seine Dunkelheit. Wir sind all-ein, mit allem verbunden, und dennoch haben wir die Kraft, bei uns selbst zu bleiben.
Erst diese Fähigkeit, bei uns zu bleiben und allein zu sein, macht uns zu guten Partnern in den vielfältigen Beziehungen, in denen wir alle sind."

Leidenschaft zum Leben

"Ein Künstler braucht, um sein Metier ein Leben lang ein Künstler zu befolgen, Leidenschaft, Disziplin, Konzentration und Mut.....
Leidenschaft ist das tiefe, brennende Interesse an einer Sache....“
"Wo Leidenschaft ist, brauchen wir keine Entscheidungen zu treffen. Leidenschaft trifft sie für uns. Was wir also entwickeln müssen, wenn wir Künstler des Lebens werden wollen, ist die Leidenschaft für unser eigenes Leben."

Die große Stille

"Die große Stille ist nicht die Abwesenheit von irgendetwas, sie ist im Gegenteil Fülle. Sie ist 'leer' im buddhistischen Sinne, denn sie enthält alles, was ist. Aus der großen Stille speist sich das Werk des Künstlers. Wir laden sie ein, indem wir schweigen."
"Schweigen ist für die meisten Menschen ungewohnt, vor allem das Schweigen miteinander. Sobald zwei Menschen beieinander sind, wird gesprochen. Es scheint, dass die meisten Menschen sich nur treffen, um miteinander zu reden. Wenn der Gesprächsstoff ausgeht, trennt man sich"
"Wenn wir miteinander tief zu schweigen imstande sind, wird sich zwischen uns die Große Stille zu erkennen geben. Wir werden sehen, dass wir alle in ihr ruhen, immer in ihr geruht haben und nie aus ihr herausfallen können, wie geschäftig wir uns auch geben mögen. Dieses Wissen wird uns dazu verhelfen, unsere Tagesarbeit wieder aufzunehmen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.....
Erst dann, wenn wir fähig sind, in die große Stille einzutauchen, aber auch immer wieder in ihr zurückzukehren in den ganz gewöhnlichen Alltag, ist unser Leben zu einem Kunstwerk geworden."

Erwachtheit und Freiheit

"Woran erkennt man der Grad der Erwachtheit in einem Menschen?
Thich Nhat Hanh: "Den erwachten Menschen erkennt man an einer Reihe bestimmter Merkmale. Allen voran ist die Freiheit. Er lässt sich nicht von den Wechselfällen des Lebens wie Furcht, Freude, Angst, Erfolg oder Misserfolg hin- und herwerfen. Ferner verfügt er über eine spirituelle Energie, die sich offenbart in ausgeglichener Ruhe, unergründlichem Lächeln und tiefer Gelassenheit. Lächeln, Blick, Worte und Tun der erwachten Persönlichkeit stellen die Sprache des Erwachten dar."

"Eine authentische Zen-Praxis ist unser Weg zur Befreiung. Wir suchen nicht mehr in Schriften und Lehren unser Heil, wir wenden uns an keine äußeren Autoritäten mehr. Wir begreifen mit allen Fasern unseres Seins, dass wir alles Wissen haben, das wir brauchen - wir müssen es nur berühren und es uns zunutze machen. Wir sind uns selbst eine Lampe."
"Ein Künstler des Lebens also zündet sein Lämpchen an, schultert sein(inzwischen leichtes Bündel) und wandert durch seine Tage, unbekümmert um das Wetter oder die Meinung anderer Menschen über ihn."
"Das einzig verlässliche Licht ist in uns selbst. Deshalb ist ein Künstler des Lebens ein freier Mensch. Ein freier Mensch hat sich von seinen Anhaftungen gelöst. Er trauert nicht mehr Vergangenem nach und erwartet nichts mehr von der Zukunft. Ein freier Mensch hat keine Hoffnung und läuft keinem Ideal hinter her. Hätte er Hoffnung und Ideal, würde der Augenblick ihm nicht genügen. Er lebte nicht hier und jetzt, sondern in einem imaginären Irgendwann, in dem die Umstände 'besser' sind und ihn hoffentlich glücklicher machen. Er hat gelernt, dass die einzige wertvolle Erkenntnis aus seiner eigenen Erfahrung entsteht...Ein freier Mensch ist deshalb ein Mensch, der wahrhaft lieben kann: Er ist fähig vom Geliebten nichts mehr zu erwarten, ihn in seine eigene Freiheit zu entlassen und ihn oder sie dennoch mit seiner Liebe zu umhüllen."

Nachklang der Autorin

"Für mich ist Zen ein anderes Wort für Kunst, und Kunst ist ein anderes Wort für Leben. Erst wenn wir alle Etiketten und die damit verbundenen Vorstellungen fallen gelassen haben, können wir eintauchen in die reine Erfahrung des Seins.
Mögen meine Worte eine Sehnsucht wecken in denen, dafür bereit sind:
Sehnsucht nach einem Leben, das nicht im Halbschlaf verbracht wird, sondern in äußerster Wachheit, leuchtender Bewusstheit, schöpferischer Leidenschaft und einer Offenheit des Herzens, die alles willkommen heißt, was sich von Augenblick zu Augenblick entfalten will. Ein Leben, das seine eigene, einzigartige Antwort gibt auf die eine große Frage: Wer bin ich?“

Das Buch:

Margrit Irgang
Wunderbare Unvollkommenheit – Das Zenbuch der Lebenskunst
Herder spektrum ISBN 978-451-06281-0

Mehr über die Autorin: www.margrit-irgang.de

Aus früheren Info-Briefen:
Zen und Psychosynthese