ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Der Seele Heimat ist der Sinn
- Logotherapie in Gleichnissen von Viktor E. Frankl

Anlage zum "ZENtrum Aktuell 1/2 2008
Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell" Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums eng verbunden sind. Anliegen dieses Briefes ist es, auf ein Buch von Elisabeth Lukas hinzuweisen, das die von Viktor Frankl entwickelte Logotherapie anschaulich vorstellt und erläutert

Victor Frankl

Victor Frankl wurde 1905 in Wien geboren und entstammte einer jüdischen Beamtenfamilie. Seine Eltern und seine Frau starben in Konzentrationslagern. Seine Eindrücke und Erfahrungen in den Konzentrationslagern, in denen er selbst war, verarbeitete er in dem Buch " ... trotzdem Ja zum Leben sagen". Er führt sein Überleben in den Konzentrationslagern auch darauf zurück, dass er immer wieder versucht hat, hinter allem einen Sinn zu sehen. Die von ihm entwickelte Logotherapie geht davon aus, "dass der Mensch existentiell auf Sinn ausgerichtet ist und nicht erfülltes Sinnerleben zu psychischen Krankheiten führen kann sowie psychische Erkrankungen von einem eingeschränkten individuellen Sinnbezug begleitet werden."
Wichtigste Nachfolgerin von Frankl ist Elisabeth Lukas, die Autorin des vorgestellten Buches.=

Der Seele Heimat ist der Sinn

Beginnen möchte ich die Vorstellung mit 2 Texten von der Rückseite des Buches:

"Ein kostbares Lesebuch für alle, die nach Lebenssinn suchen"

"Das Wesen und die Grundlagen der von ihm begründeten Seelenheilkunde , der Logotherapie, hat Viktor E. Frankl immer wieder in besonderen, tief poetischen , ja mystischen Texten versprachlicht. Elisabeth Lukas erschließt und kommentiert erstmals diese Grundtexte der Logotherapie im Überblick und schließt deren Bedeutung für uns heute auf."
"Das Geistige ist nicht etwas, was den Mensch bloß kennzeichnet, nicht anders als etwas das Leibliche und das Seelische dies tun, die ja auch dem Tier eignen; sondern das Geistige ist etwas, das den Menschen auszeichnet, das nur ihm und erst ihm zukommt." Viktor Frankl

Das Buch ist in 14 Kapitel unterteilt. In jedem Kapitel sind zwischen 4 und 6 Gleichnisse von Frankl aufgeführt, die dann von Elisabeth Lukas kommentiert werden.
Ich habe jeweils ein Gleichnis aus den Kapiteln "Wer bist du, o Mensch?" sowie aus "Vom Sinn des Lebens" ausgesucht, weil dadurch m.E. sehr deutlich die Schwerpunkte von Viktor Frankl in seiner Logotherapie zum Ausdruck kommen.
Das ist einmal seine Klarheit darüber, dass der Mensch ein geistiges Wesen ist und sich dadurch von allen anderen Lebewesen auf dieser Erde unterscheidet. Und dann, dass die Suche nach dem Sinn essentiell zum Leben des Menschen gehört und dass daher Sinnlosigkeit ihn krank macht. Ihm ist es gelungen, in Wien viele Menschen von einem Selbstmord abgehalten zu haben.

Hier nun das Gleichnis aus dem Kapitel "Wer bist du, o Mensch?"

Das Flugzeug in den Lüften

"Das Geistige ist nicht etwas, das den Menschen bloß kennzeichnet, nicht anderes als etwa das Leibliche und das Seelische dies tun, die ja auch einem Tier eignen: sondern das Geistige ist etwas, das den Menschen auszeichnet, das nur ihm und erst ihm zukommt.
Ein Flugzeug hört selbstverständlich nicht auf, eines zu sein, auch wenn es sich nur auf dem Boden bewegt; es kann, ja muss ich immer wieder auf dem Boden bewegen! Aber dass es ein Flugzeug ist, beweist es erst, sobald es sich in die Lüfte erhebt - und analog beginnt der Mensch, sich als Mensch zu verhalten, nur wenn er aus der Ebene psychophysisch - organismischer Faktizität heraus und sich selbst gegenübertreten kann - ohne darum auch schon sich selbst entgegen treten zu müssen. Dieses Können heißt eben existieren, und existieren meint: über sich selbst immer auch schon hinaus zu sein." Viktor Frankl, Logotherapie und Existenzanalyse, S. 72/73

Kommentar (von Elisabeth Lukas)

Die Franklsche Logotherapie hat ein uralt-biblisches und trotzdem heute noch faszinierendes Menschenbild zum Fundament, nämlich das Bild eines leiblich-seelischen Wesens, dem "der Geist eingehaucht worden ist". Dieser "Geist" meint nicht die kognitive Fähigkeit, Wissen zu entwickeln und anzusammeln. Er meint weder Intellekt, noch Intelligenz, was beides zur seelisch-psychischen Grundausstattung des Menschen zählt und sich in Ansätzen auch bei höheren Säugetieren findet. Die "eingehauchte" geistige Dimension ist aus logotherapeutischer Sicht das spezifisch Humane, das keinem anderen Lebenswesen auf Erden eignet als nur dem Menschen allein. Was aber ist "spezifisch human"? Was unterscheidet uns Menschen von höheren Säugetieren. Eine im Raum nüchterner Wissenschaftlichkeit spannende Frage, die zunächst zögern lässt. Hund, Pferde, Affen und sogar Delphine haben verhaltensmäßig große Ähnlichkeiten mit uns. Wo und wann enden solche Ähnlichkeiten, wo und wann beginnt menschliche Existenz in ihrer Unvergleichbarkeit?

Viktor E. Frankl verweist auf das Flugzeug, das sich genauso wie andere Fahrzeuge auf den Straßen bewegen kann. Was unterscheidet es von Autos, Bussen, Kranwägen oder Sattelschleppern? Gewiss, seine Bauart divergiert ein wenig, aber schließlich besitzt es genauso einen Rumpf mit Fenstern, Sitzen, Rädern und Motoren. Analog divergiert die menschliche= Bauart von der tierischen und ist doch nach denselben biologischen Prinzipien konstruiert. Nein, was Flugzeuge von Nichtflugzeugen unterscheidet, ist nicht ihre äußere Form, sondern ihre Potenz, sich "in die Lüfte zu erheben". So ist auch der Mensch ein Wesen, das sich über seine "psycho-physisch-organismische Faktizität", das heißt: über sich selbst, über seine jeweilige Verfassung, über seine Herkunft, über seine Geschichte erheben kann. Er muss es nicht, zum Glück braucht er nicht ständig, aber er kann es: Er kann stärker sein als die stärkste Prägung oder stärkste Instinkt in ihm selbst, er kann verändern, wo er scheinbar festgelegt ist. Die "Lüfte" über ihm sind jenes winzige Stückchen Freiheit, in die er sich aus seiner Erdenschwerkraft emporschwingen kann und darf, um wahres Menschentum zu bezeugen.
(Ende des Kommentars)

Hier das zweite Gleichnis aus dem Kapitel "Vom Sinn des Lebens":

Der beste Schachzug

Eine allgemein gültige, für alle verbindliche Lebensaufgabe, muss uns in logotherapeutischer Sicht unmöglich erscheinen. In dieser Sicht ist die Frage nach "der" Aufgabe im Leben, nach "dem" Sinn des Lebens - sinnlos. Sie müsste uns vorkommen, wie etwa die Frage eines Reporters, der einen Schach-Weltmeister interviewt: "Und nun sagen Sie, verehrter Meister welches ist der beste Schachzug?" Diese Frage lässt sich ebenso wenig allgemeingültig und ebenso nur in bezug auf eine konkrete Situation (und Person) beantworten. Jener Schach-Weltmeister müsste, falls er die Frage überhaupt ernst nehmen würde, erwidern: "Ein Schachspieler soll so lange handeln, dass er nach Maßgabe dessen, was er kann, und dessen, was der Gegner zulässt, den jeweils besten Zug zu machen versucht." Dabei wäre zweierlei zu unterstreichen:
Erstens "nach Maßgabe dessen, was er kann" - damit ist nämlich gemeint, dass auch die innere Lage, das, was man Anlage nennt, ins Kalkül zu ziehen ist; und zweitens wäre zu berücksichtigen, dass der betreffende Spieler immer nur "versuchen"= kann, den in einer konkreten Spielsituation besten, d.h. den einer bestimmten Figurenstellung jeweils angepassten Zug zu machen, so müsste er, von Zweifeln und Selbstkritik geplagt, zumindest jene Zeit überschreiten, die ihm zur Verfügung steht, und das Spiel aufgeben.

Ganz analog verhält es ich nun mit dem Menschen, der vor der Frage nach dem Sinn seines Lebens gestellt ist; auch er kann diese Frage, soll sie als Frage Sinn haben, nur stellen im Hinblick auf eine konkrete Situation sowie eine konkrete Person; darüber hinaus wäre es fehlerhaft und krankhaft, wenn er sich in den Kopf setzte, das absolut Beste zu tun, statt bloß zu "versuchen", es tun. Intendieren muss er das Beste wohl, sonst käme nicht einmal etwas Gutes heraus; aber gleichzeitig muss er verzichten können auf ein mehr als nur asymptotisches* Erreichen seines Ziels.

Victor E. Frankl, Ärztliche Seelsorge, S 71/72

Kommentar (von Elisabeth Lukas)

Wie hauchzart - wenn auch unentflechtbar - die "Verbindungsstäbe" zwischen partiellem und holistischem Sinn sind, zeigte Viktor Frankl daran auf, dass er die Fragen nach "dem" Sinn des Lebens selbst "sinnlos" nannte. Sie gleiche der Frage nach "dem" besten Schachzug, die ja auch unbeantwortet bleiben muss.

Trotzdem ist klar, dass der Gesamtsinn eines Schachspielers mit der Klugheit und Sinnhaftigkeit der einzelnen Schachzüge, die während des Spieles gemacht werden, verbunden ist. Würden die beiden Spieler die Figuren auf dem Brett nur irgendwie hin- und herschieben, würde das Spiel an Gesamtsinn verlieren.
Sehr weise führt Frankl anhand des Schachspieles aus, wie der Mensch im Prinzip handeln soll, um "sein Leben" zu gewinnen. Erstens soll er sein eigenes Können (weder zu über- noch zu unterschätzenden) Spielräumen richten, die ihm sein Gegner, das "Schicksal" einräumt. In dieser Berücksichtigungskombination von inneren Fähigkeiten und äußeren Möglichkeiten soll der Mensch in Gelassenheit sein Bestes versuchen.
Obwohl Frankl das Wort "Gelassenheit" nicht verwendete, betonte er im Schachbeispiel zweimal den notwendigen Verzicht auf perfektionistische Strebungen. Wäre ein Schachspieler darauf fixiert, unbedingt Sieger zu werden, müsste er, bei jedem Zug von tausend Zweifeln geplagt, das Spiel alsbald aufgeben. Mehr als ein asymptotisches Erreichen unserer Ziele steht uns nicht zu. "Wer sein Leben (unbedingt) gewinnen will, wird es verlieren..."
Demnach ist uns der akrobatische Akt abverlangt, im Leben unser Bestes zu versuchen, und dankbar zu sein, wenn Gutes dabei rauskommt.
(Ende des Kommentars)

Vielleicht wecken diese Beispiele das Interesse nach mehr. Es gibt davon insgesamt 73 solcher Beispiele in diesem Buch. Von den insgesamt 14 Kapiteln hier noch ein paar Titel als Beispiele:

  • "Wieviel Freiheit haben wir?"
  • "Das ‚Sinn-Organ’ Gewissen"
  • "Depression – Leid und Schuld"
  • "Zeit und Vergänglichkeit"
  • "Glaube und Religiosität"

Der Seele Heimat ist der Sinn
Logotherapie in Gleichnissen von Viktor E. Frankl
zusammengestellt und kommentiert von Elisabeth Lukas

Kösel- Verlag München
ISBN= 3-466-36678-X
Erscheinungsjahr 2005 – Gebundene Ausgabe
Seitenzahl 219

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