ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Wie umgehen mit der Endlichkeit?
Philosophieren heißt Sterben lernen

Eine Sendung von SWR2 – Aula vom 19.5. 2013

Anlage zum "ZENtrum Aktuell 9/10 2013
Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell", Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums eng verbunden sind. Bei dieser Anlage geht es um eine Sendung, die sich mit der Endlichkeit und der Frage nach der Unsterblichkeit der menschlichen Seele auseinandersetzt.
Autor: Professor Wilhelm Schmid, Berlin.

Einleitung(von Hans Piron)

Die Beziehung dieser Sendung mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums ist die Betrachtungsweise, die der Autor zum Wesen des Menschen hat, sowohl in seiner sterblichen Form auf dieser Erde als auch mit seiner Seele. Er spricht von einer persönlichen Seele und der eigentlichen Seele, die auch dann bleibt, wenn keine Person mehr da ist. Dies ist vergleichbar mit dem "Personalen Selbst" und dem "Transpersonalen Selbst" der Psychosynthese. Er spricht auch von Erfahrungen, die "der Mensch zu Lebzeiten machen kann, bei der er in seinem tiefsten Innersten diese namenlose, grenzenlose eigentliche Seele spürt." In der Psychosynthese nennt man sie "Transpersonale Erfahrungen".

Diese von einem Philosophen vermittelte Betrachtungsweise des Endlichen und Unendlichen im Menschen unterstreicht den Kern dessen, was die Psychosynthese über das Wesen des Menschen vermittelt. (siehe auch Artikel auf dieser Website: "Was ist Psychosynthese?")

Auszüge aus der Sendung

"Am Ende des Älterwerdens steht der Tod. Und die Frage stellt sich: Was ist darüber hinaus...Es tut dem Leben gut, sich über Dinge klarer zu werden, die sonst nur ein unheimlicher Unruheherd bleiben. Wenn das Bedürfnis danach wach wird, sollten Menschen dem auch nachgeben."

"Kann ein Toter wirklich tot sein? Was geschieht mit ihm? Körperlich, nüchtern, materiell gesehen, gehen die Atome und Moleküle früher oder später in andere Atom- und Molekülverbände über? Kein einziges Atom oder Molekül geht verloren. Der Körper hört in der gegebenen Form auf zu existieren, seine Bestandteile erleben jedoch eine Verwandlung in andere Formen. Die Annahme liegt nahe, dass sich dies mit Seele und Geist ganz ähnlich verhält. Denn was liegt ihnen zugrunde? Es können doch wohl nur Energien sein, denn das ist es, was den toten Körper vom lebenden unterscheidet: Die Energien sind nicht mehr in ihm, Wärmeenergie, elektrische Energie, Bewegungsenergie. Wenn aber das Wesentliche eines Wesens die Energien sind, die es beleben, dann gilt: Energie stirbt nicht. Das besagt der Energieerhaltungssatz, den Hermann von Helmholtz 1847 für die Physik formulierte und der auch für die Energieformen gelten könnte, die dem Körper, der Seele und dem Geist eines Menschen zugrunde liegen, für die bekannten und die unbekannten."

"Die Energie des Lebens, die mit dem Tod entschwindet, ist dann weiterhin "da", ohne genau lokalisierbar zu sein. Sie bleibt im Raum, unsichtbar und doch spürbar, kein Quantum geht verloren. Vorstellbar ist jedoch, dass nun andere Formen des Lebens damit aufleben, andere Menschen, Wesen und Dinge durchpulst werden und der Tote auf diese Weise weiterlebt. Die Lebenden, die den Tod nicht fliehen, können die Energie wahrnehmen, aufnehmen und mit ihr ins Leben zurückkehren."

"Dass es keinen wirklichen Tod gibt, dass da noch ein anderes Leben ist, auch wenn sich ein Mensch in dieser Gestalt auflöst, ist freilich nicht nachweisbar, nur annehmbar. Entscheidend dafür ist nicht die Wahrheit, die wohl nie zweifelsfrei ausfindig zu machen ist, sondern die Lebenswahrheit, mit der sich leben lässt. Sie hängt ab von der Deutung, die jeder selbst vornimmt und für die er, wenn er Beliebigkeit vermeiden will, nach der Plausibilität der Zusammenhänge fragt und im Übrigen danach, was ihm schön und bejahenswert erscheint. Auch die Wahrheit, auf die manche Individuen und ganze Kulturen sich kaprizieren, kann nur eine Deutung sein. Veränderungen der Deutung aber sorgen im Laufe der Zeit dafür, dass der Tod eine Geschichte hat, die von Menschen geschrieben wird."

"Wenn es gelingen sollte, die Moderne zu verändern, steht es in einer andersmodernen Kultur dem Einzelnen frei, auch ohne Berufung auf einen Gott und auch ohne letzte Wahrheit nicht mehr das Ende des Lebens im Tod zu sehen. Dieser Deutung zufolge gehen Menschen, wie alle Wesen, aus einem allumfassenden Meer von Energie hervor, leben aus ihm heraus und kehren zu ihm zurück. Die Konturen von Menschen, des Menschen überhaupt, zeichnen sich für eine kleine Weile am Meeresufer der wirklichen Welt ab und werden wie das "Gesicht im Sand", von dem der Philosoph Michel Foucault einmal sprach, von einem Wellenschlag wieder ausgelöscht. Was für einen Moment die Lebensenergie und Seele eines menschlichen Selbst war, geht wieder in die kosmische Energie und Weltseele über, die alles erfüllt und allem zugrunde liegt."

"Schon zu Lebzeiten spürt ein Mensch in seinem tiefsten Innersten diese namenlose, grenzenlose eigentliche Seele, die Energie, die auch dann bleibt, wenn keine Person mehr da ist, während die persönliche Seele mit ihren charakteristischen Ausprägungen von Energien in Gefühlen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Sehnsüchten in dieser Form nur diesem Menschen eigen und an sein körperliches Dasein gebunden ist."

"Aus der Binnensicht des Todes fühlt sich die äußerste Erfahrung daher womöglich auch ganz anders an als von außen. Sie könnte der Erfahrung ähneln, nach der die Liebenden sich sehnen und die sie in manchen Augenblicken auch erlangen: Wie die Liebe könnte der Tod eine Rückkehr zum energetischen Zustand sein, um auf dieser Ebene miteinander und mit allem zu verschmelzen, nur noch Energie zu sein, reine Möglichkeit, denn Energie ist Möglichkeit - je mehr Energie, desto mehr Möglichkeiten.

Was in einzelnen Momenten beim Einswerden mit einem Anderen erfahrbar ist, wird zur uno mystica mit dieser anderen Dimension: Der "kleine Tod" der Liebesekstase könnte eine Vorahnung des großen Aktes sein, der der Tod selbst ist, der gewaltigste Moment des Lebens mit einem Hinausströmen des Selbst aus sich, einer rauschhaften Auflösung, einer Zerlegung des Lebens in dieser Gestalt. Diese ultimative Ekstase hat nicht mehr nur ein "Hinausstehen" (ekstasis im Griechischen), sondern ein völliges Hinausgehen aus sich und diesem Leben zur Folge. "Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen", sagt Rilke in der ersten seiner Duineser Elegien."

"Die Wahrheit selbst ist unzugänglich, aber die Lebenswahrheit, die der Einzelne für sich gewinnt, ermöglicht die Annahme, dass die Lebenden und die Toten ein und dieselbe Welt bewohnen, wenngleich auf unterschiedlichen ontologischen Ebenen: Ebene der Materie und ihrer jeweils begrenzten, endlichen Wirklichkeit, Ebene der Energie und ihrer unbegrenzten, unendlichen Möglichkeiten. Die reale Gestalt stirbt, nicht jedoch die Seele und der Geist, die im Grunde reine Energie, reine Potenz sind."

"Niemand kann definitiv wissen, in welchem Status ein Toter lebt, Annahmen sind jedoch möglich: Tot ist ein Mensch nur in Bezug auf dieses Leben, das er gelebt hat. Vergangen ist lediglich die einmalige Zusammensetzung der materiellen und immateriellen Bestandteile dieses Menschen, die Integrität, die ihn als Person charakterisierte. Dann gilt: Es gibt keinen wirklichen Tod außer dem Tod der Person. Die Person in dieser Komposition, die ihre begrenzte Zeit hat, löst sich auf, aber alle Bestandteile leben in anderen Zusammenhängen weiter, körperlich, seelisch, geistig. Nichts von dem, was durch diesen Menschen geprägt wurde, verschwindet jemals wieder, es sei denn auf lange Sicht der Name, der für diese Prägung steht, und das Wissen Anderer, dass überhaupt eine Prägung stattgefunden hat. Jeder Mensch, der aus der energetischen Möglichkeit kommt und in sie zurückkehrt, hinterlässt eine Spur in der materiellen Wirklichkeit"

"Zumindest ist es denkbar, dass aus dem Energiefeld heraus eine Gestalt reinkarniert, also wieder zu Fleisch, zu einem Körper wird. Ähnlich wie beim Erwachen aus einem Traum könnten dabei bruchstückhafte Erinnerungen an ein früheres Leben wach werden, wie manche Menschen dies an sich beobachten, sodass sie glauben, in anderer Zeit "schon einmal da gewesen zu sein". Erklärbar wäre mir selbst auch die gelegentliche merkwürdige Empfindung, mich zwar in dieser Wirklichkeit aufzuhalten, die mich umgibt, mich aber fremd in ihr zu fühlen, da ich meine Heimat anderswo sehe, nicht in der Bestimmtheit dieser wirklichen Welt, sondern in der Unbestimmtheit einer anderen. Das wäre dann kein Spuk, der wieder vergeht. Ein Spuk wäre eher das Hier und Jetzt, dem gewöhnlich so viel Bedeutung zugemessen wird und das doch morgen schon von gestern ist."

"Dass viele Menschen sich ein anderes Leben über das gegebene hinaus nicht vorstellen können, ist kein Beweis dafür, dass es dieses Leben nicht gibt. Aber auch die, die es sich vorstellen können, können es nicht beweisen, nur annehmen. Wird ein anderes Leben jenseits des Todes angenommen, kann der Tod als ein Hinübergehen von einem Leben zum anderen verstanden werden. Es lässt sich sogar von einem "Heimgehen" sprechen, wie es angesichts des Todes auf der Zunge liegt, und dies nicht nur aus religiösen Gründen: Wenn Menschen heimgehen, so kann das heißen, dass sie zurück zur ewigen Welt der Möglichkeiten gehen, aus der sie gekommen sind, da Möglichkeiten aller zeitlichen Wirklichkeit zugrunde liegen, denn woher sonst sollte eine Wirklichkeit kommen? Der Einzelne geht zugrunde, aber damit kehrt das Wesentliche an ihm, das ihn leben ließ, zum Grund des großen Potenzials zurück. Vom energiegeladenen Pol, aus dem jedes Leben anfänglich hervorgeht, wandert es zum entgegengesetzten Pol des Energieverlusts, bevor mit dem Tod der Zustand reiner Energie wieder hergestellt wird, der ein neues Werden ermöglicht."

Hinweise zur Sendung:

SWR2 Aula vom 19.05.2013

Wie umgehen mit der Endlichkeit? Philosophieren heißt Sterben lernen

Von Professor Wilhelm Schmid

Zum Autor:

Wilhelm Schmid, geb. 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Homepage: www.lebenskunstphilosophie.de

Jüngste Buchpuplikationen:

  • Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt.
    Suhrkamp Verlag. 2013.
  • Unglücklich sein – Eine Ermutigung.
    Insel Verlag. 2012.
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