ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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"Die Stille berühren" - Eckhart Tolle

Anlage 2 zum "ZENtrum Aktuell 1/2 2011
Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell", Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums eng verbunden sind. Bei dieser Anlage geht es um einen Artikel, der in der Zeitschrift "Publik Forum" im Dezember letzen Jahres erschienen ist, der nicht nur über die Teilnahme an einem Vortrag von Eckhart Tolle, sondern auch sehr viel über Eckhart Tolle und sein Leben berichtet.

Artikel zu einem Vortrag mit Eckhart Tolle - Die Stille berühren

(Quelle: Publik-Forum, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 24/2010.)
Seine Bücher sind Bestseller, und auch in Deutschland ist er für viele ein spiritueller Meister. Ein Abend mit Eckhart Tolle

Von Andrea Teupke

Das Jetzt fühlt sich seltsam an. Applaus brandet auf und verebbt, und ich sitze wie betäubt auf meinem Stuhl. Um mich herum Lachen, zustimmendes Gemurmel, strahlende Gesichter. Menschen stehen auf, ziehen ihre Jacken über, gehen zum Ausgang. Nach und nach leert sich die Schwarzwaldhalle in Karlsruhe, ich bleibe ratlos sitzen. Was hatte ich eigentlich erwartet?

Vielleicht war es keine gute Idee, während des Vortrags angestrengt in ein Notizbuch zu kritzeln. Jeden Satz krampfhaft festhalten zu wollen, obwohl er doch gesagt hat, das Wesentliche sei die Stille zwischen den Worten. Jetzt ist mein Notizbuch voll, und mein Herz ist leer. Die Stille habe ich wohl überhört.

Er: Das ist Eckhart Tolle. In den USA liegen seine Bücher nicht nur in jeder Buchhandlung, sondern auch in Supermärkten aus. Die Schauspielerin Meg Ryan schwärmte von seinem Buch "Jetzt! Die Kraft der Gegenwart", die Sängerin Cher sagte: "Es hat mein Leben wirklich verändert!" Und Oprah Winfrey, bekannteste Talkshow-Moderatorin des US-Fernsehens, pries es als "eines der wertvollsten Bücher, die ich je gelesen habe". Es wurde in über dreißig Sprachen übersetzt und allein in den USA mehrere Millionen Mal verkauft. Dieses Jahr trat Tolle - zum ersten Mal seit sechs Jahren - wieder in Deutschland auf. Die beiden Vorträge in Karlsruhe und Hannover waren restlos ausverkauft.

Dabei ist Eckhart Tolle so unscheinbar, wie ein spiritueller Superstar nur sein kann. Einen "Antiguru, Antimotivator, Antientertainer" nannte ihn Die Zeit: Ein blasser, fast schmächtiger Mann, der zwei Stunden lang nahezu bewegungslos auf seinem Stuhl verharrt und dabei langsam spricht - sehr langsam. Auf einer großen Leinwand über der Bühne erscheint sein rosiges Gesicht, mit Stupsnase und hellen Wimpern, unter einem altmodischen Seitenscheitel. Den Wollpullunder, der in zahlreichen Videos auf YouTube zu sehen ist, hat er diesmal gegen Hemd und Sakko getauscht. Manchmal hält er inne und kommentiert seinen Vortrag mit angedeuteten Grimassen. Dann brechen die Zuhörer in begeistertes Gelächter aus.

Tolle spricht frei. Zwei Stunden lang sagt er - in gedehntem Deutsch, mit amerikanischem Akzent - das, was er auch in seinen Büchern schreibt: dass die Menschheitsgeschichte eine Geschichte voll "verbrecherischem Wahnsinn im Wechsel mit ein paar kurzen lichten Momenten" sei. Dass die Hinwendung zur Gegenwart uns erlösen kann. Dass es im "Jetzt" all das gebe, was wir gemeinhin von der Zukunft erhoffen: Friede, Freude, Liebe, Glück.

Tolle hieß mit Vornamen Ulrich. Er wuchs in Deutschland auf, studierte in Großbritannien und litt bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr unter Angstzuständen und schweren Depressionen. Eines Nachts war er so verzweifelt, dass er dachte: "Ich kann mit mir selbst nicht weiterleben." Dieser Gedanke erschien ihm seltsam - wer war dieses "Ich", das mit ihm "selbst" nicht zusammenleben wollte?

Plötzlich, so beschrieb Tolle es in "Jetzt!", war "keine Angst mehr da, und ich ließ mich in diese Leere hineinfallen". Am nächsten Morgen erwachte erbeim ersten Licht der Dämmerung und wusste, "dass es über das Licht unendlich viel mehr zu erfahren gibt, als wir ahnen". Der innere Friede, den er in dieser Nacht fand, habe ihn nie mehr verlassen, sagt er.

Etliche der dreitausend Menschen, die nach Karlsruhe gepilgert sind, um Tolle zu hören, können von ähnlichen Erfahrungen berichten. Udo Fleckenstein zum Beispiel. Sein Snoopy-T-Shirt ist ausgewaschen, seine Haare sind kurzgeschoren; ein Loch im Ohrläppchen verrät, dass er früher Ohrringe trug. Seit einem Unfall ist er schwerbehindert, er erzählt: Seine Frau war im neunten Monat schwanger, deshalb wollte er das Motorradfahren aufgeben und die Maschine verkaufen. Auf der letzten Fahrt, schon unterwegs zum Händler, nahm ihm ein Auto die Vorfahrt. Vier Wochen lang lag er im Koma, anderthalb Jahre musste er im Krankenhaus verbringen. Die 38 Knochenbrüche verursachten Schmerzen.

Im Koma hatte er alptraumartige Nahtoderlebnisse, düstere Visionen, aber auch Erfahrungen einer "tiefen Stille", erzählt Fleckenstein: "Davon wollte ich mehr haben." Er hörte auf zu rauchen und Alkohol zu trinken und begann zu meditieren. Inzwischen, acht Jahr später, sagt er: "Der Unfall war das Beste, was mir je passiert ist."

Während Fleckenstein sich als antireligiös einstuft, bezeichnet Gerlinde Ehehalt sich als "undogmatisch-christlich". Die lebhafte Frau mit dem dunklen Pagenkopf und der großen Stoffblume am Revers fühlt sich von Tolle an Frère Roger, den Gründer der Kommunität in Taizé, erinnert: die Schlichtheit seiner Worte, das kindliche, friedliche Lächeln. Seit sie jeden Morgen meditiert, fühle sie "ein Stück Freiheit von Angst", sagt die Journalistin aus Stuttgart.

Wird man nicht fatalistisch, wenn man die Gegenwart bedingungslos akzeptiert? Im Gegenteil, meint Gerlinde Ehehalt: "Man wird bewusster und damit auch verantwortungsvoller." Sie kann Tolles Lehre gut mit ihrem christlichen Glauben verbinden.

In den USA sehen das viele anders. Die Evangelikalen dort hassen Tolle geradezu - auch oder weil er gerne aus den Evangelien zitiert. In Blogs und Foren im Internet wird vor seinem verderblichen Einfluss gewarnt. Seine Lehre sei universalistisch, pantheistisch und spiritistisch, heißt es.

Welche Lehre? Anhänger vergleichen Tolle häufig mit dem indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti, der jegliche Religion und Organisation ablehnte. Die Wahrheit könne von jedem Menschen gefunden, aber nicht gelehrt oder an andere weitergegeben werden, sagte Krishnamurti.

Die Evangelische Zentrale für Weltanschauungsfragen in Berlin dagegen ordnet Tolle in die sogenannte Satsang-Szene ein, eine neue Richtung, die sich dogmatisch kaum festlegt, die buddhistisch oder hinduistisch anmutet und bei der es nicht um systematische Unterweisung geht, sondern um Erfahrung: die Begegnung mit einem erleuchteten Meister. Bei Satsang-Abenden, die in der Regel aus Vortrag und Fragerunde bestehen, soll dieser Bewusstseinszustand des Meisters auf die Anhänger abfärben. Dementsprechend hoch ist die Verehrungsbereitschaft vieler Jünger. Im Internet kursieren Videomitschnitte solcher Sitzungen, in denen Menschen persönlichste Fragen stellen und vor Ergriffenheit weinen müssen, weil der Lehrer sie mit einem banalen Satz oder einem Scherz abgespeist hat. Und es gab auch Skandale: Nicht alle angeblichen oder selbsternannten Meister schrecken davor zurück, die Hingabe ihrer Anhänger materiell oder sexuell auszubeuten.

Keine Exzesse. Von Tolle sind keine solchen Auswüchse bekannt. Nach Auskunft seines deutschen Verlegers Joachim Kamphausen lebt er unauffällig und zurückgezogen mit seiner Frau, einer chinesischen Therapeutin, in Kanada. Interviews gibt er immer weniger, und in Europa gar nicht mehr. Anders als manch andere spirituellen Lehrer, die - gefühlt - alle zwei Wochen ein neues Andachtsbuch auf den Markt werfen, ist Tolle auch publizistisch erstaunlich zurückhaltend. Zudem scheint er weder Jünger um sich zu scharen noch "zertifizierte Tolle-Lehrer" auszubilden oder gar Gemeinschaften zu gründen. Seiner Bekanntheit tut das keinen Abbruch - und die Verlage schaffen es, sein schmales Werk in immer neuen Kompilationen, Kalendern und Spruchsammlungen herauszugeben.

Das Jetzt ist beschämend banal. Klappern der Finger auf der Tastatur. Geräusche aus der Küche. Stimmen aus dem Flur. Motorengeräusche von draußen. Wenn ich mich nicht wehre gegen all dies, werde ich Frieden finden, hat Tolle versprochen. Und nicht nur Buddhisten, auch christliche Kontemplationslehrer wie Willigis Jäger, Franz Jalics oder David Steindl-Rast weisen immer wieder darauf hin, wie wichtig es ist, die Achtsamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu lenken. Schließlich sei Gott nur in der Gegenwart zu erfahren, nirgends sonst. Der US-Franziskaner Richard Rohr etwa, dem wohl niemand mangelndes politisches Engagement vorwerfen kann, zitiert häufig und zustimmend aus Tolles Büchern.

Zu weltfremder Innerlichkeit muss eine solche Haltung nicht führen. Denn es besteht ein Unterschied zwischen Akzeptieren und Gutheißen. So schreibt Manfred Nelting, Facharzt für Psychotherapie und Allgemeinmedizin, in seinem Buch "Burnout - Wenn die Maske zerbricht": Wer eine inakzeptable Situation verändern will, müsse handeln - doch "der Anfang des Handelns kann nur im Jetzt geschehen".

Das Jetzt fühlt sich nicht gut an. Ich bin nervös, merke ich. Angespannt. Unzufrieden. Außerdem spüre ich einen unangenehmen Druck auf der Brust. Und damit soll ich mich abfinden - sogar anfreunden? Fast immer würden wir das Jetzt als Mittel zum Zweck, als Hindernis oder gar als Feind betrachten, sagt Tolle. Vermutlich hat er recht. Jedenfalls beobachte ich bei mir Gedanken wie: Schnell noch einen Cappuccino, dann fällt das Schreiben anschließend leichter. Oder: Sobald dieser Artikel endlich fertig ist, wird es mir besser gehen. Ganz besonders zuwider ist mir das Jetzt, wenn ich mit mir hadere, wieso ich diesen grässlichen Beruf im Allgemeinen und dieses Thema im Besonderen gewählt habe. Alles nutzlos, sagt Tolle: "Wenn du jetzt nicht glücklich bist, wirst du es in zehn Jahren auch nicht sein."

Tatsächlich will Tolle zur Umkehr aufrufen. Es ist ihm wichtig, und es ist ihm ernst. Dass die Welt wahnsinnig sei, könne jeder erkennen, der einen Blick in die Zeitung oder in ein Geschichtsbuch werfe. Diesem Wahnsinn zu entrinnen und selbstlos zu leben - das geht seiner Meinung nach nur mit einem veränderten Bewusstsein. Ist das individualistisch, unkritisch? Nur, wenn man davon überzeugt ist, dass ethische Appelle allein Menschen verändern können.

Plötzlich steht er auf, legt die Hände vor der Brust zusammen und verneigt sich zum Publikum. "Ihr seid das Licht der Welt", sagt er. Zum ersten Mal erhebt er seine Stimme ein wenig und wiederholt den Satz. Man kann das als Auftrag verstehen: Jetzt!

Der Anti-Guru: Seine Lehre sei nicht neu und er selbst nicht wichtig, sagt Eckhart Tolle.

( Mit freundlicher Genehmigung von „Publik Forum")
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