ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Stille und Schweigen - Zitate von Anthony de Mello

Anlage zum "ZENtrum Aktuell 11/12 2016 :
Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell", Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums wie auch mit denen meines Buches "Das Leben leben" eng verbunden sind. Die folgenden Zitate sind eine Auswahl aus einem Buch von Anthony de Mello "Wo das Glück zu finden ist".


Anthony de Mello

Anthony de Mello wurde 1931 in Bombay (Indien) geboren und starb 1987 in New York. Er war Jesuitenpriester und einer der bedeutendsten spirituellen Lehrer des 20. Jahrhunderts, der auf humorvolle Weise Art und Weise lebenspraktische Weisheiten und Erzählungen aus allen religiösen Lehren vermittelte. Dazu schafft er unter anderem Dialoge zwischen einem fiktiven Meister und seinen Schülern.

Zitate aus dem Buch "Wo das Glück zu finden ist"

Ein alter Mann konnte stundenlang still in der Kirche sitzen. Eines Tages fragte ihn der Priester, worüber er denn mit Gott spräche.
"Gott spricht nicht, er hört nur zu." war die Antwort.
"Was redest du dann mit ihm?"
"Ich spreche auch nicht. Ich höre auch nur zu."
Versuche still zu werden. Dafür musst Du zu dir zurückfinden. Komm in die Gegenwart. Frage dich, wo bin gerade jetzt? Was tue ich? Was denke ich? Was spüre ich in meinem Körper? Wie atme ich?
Stille kann nicht erzwungen werden. Suche einfach innere Wachheit, dann wird sich Stille einstellen.
Der Schüler bat um ein Wort der Weisheit. Sagte der Meister:"Geh, setz dich in deine Zelle und deine Zelle wird dir Weisheit lehren."
"Aber ich habe keine Zelle. Ich bin kein Mönch."
"Natürlich hast du eine Zelle. Blick in dich."
Als die Schüler baten, ihnen ein Modell von Spiritualität zu geben, das sie nachahmen können, sagte der Meister nur "Still, lauscht!"
Und als sie auf die Laute der Nacht draußen lauschten, begann der Meister den berühmten Haiku zu sprechen: "Von einem frühen Tod, zeigt die Zikade sich unbeeindruckt! Sie singt."
Jedes Wort, jedes Bild, das man für Gott gebraucht, dient eher der Verzerrung als einer Beschreibung.
"Wie spricht man also von Gott?" "Durch Schweigen."
"Warum sprecht ihr denn in Worten?" Darüber lachte der Meister lauthals.
Er sagte: "Wenn ich spreche, darfst du nicht auf die Worte hören. Höre auf das Schweigen."
Jeden Tag wurde der Meister überhäuft mit Fragen, die er ernsthaft, scherzend, freundlich, bestimmt zu beantworten pflegte. Eine Schülerin saß während dieser Gespräche stets schweigend da. Als sie jemanden deswegen fragte, sagte sie: "Ich höre kaum ein Wort von dem, was er sagt. Ich werde von seinem Schweigen zu sehr abgelenkt."
Als der Meister den Gouverneur zur Meditation einlud und die Antwort erhielt, er sei zu beschäftigt, sagte er ihm: "Ihr erinnert mich an einen Mann, der mit verbundenen Augen im Dschungel umhergeht und zu beschäftigt ist, die Binde abzunehmen."
Als der Gouverneur vorgab, keine Zeit zu haben, sagte der Meister: "Es ist ein Irrtum, dass Meditation aus Zeitmangel nicht möglich ist. Der wahre Grund ist ein rastloser Verstand."
Es war einmal ein erschöpfter Holzfäller, der Zeit und Kraft verschwendete, weil er mit einer stumpfen Axt einschlug. Denn, wie er sagte, habe er keine Zeit, die Schneide zu schärfen.
Sucht das Alleinsein. Wenn ihr mit jemandem zusammen seid, seid ihr nicht allein. Wenn ihr ‚mit Gott seid‘, seid ihr nicht allein. Der einzige Weg, wirklich mit Gott zu sein, ist der, völlig allein zu sein. Dann, hoffentlich, wird Gott sein und nicht ihr.
Der Sufi Bayazid Bistami beschreibt seinen Fortschritt in der Kunst des Betens: "Als ich die Kaaba zum ersten Mal besuchte, sah ich die Kaaba. Beim zweiten Mal sah ich den Herrn der Kaaba. Das dritte Mal sah ich weder den Herrn noch die Kaaba."
"Schweigen ist die große Offenbarung", hat Laotse gesagt. Um die Offenbarung des Schweigens aufzunehmen, musst du zunächst das Schweigen erfahren. Das ist nicht leicht.
Der heutige Mensch scheut das Schweigen ganz besonders. Es fällt ihm schwer, allein innezuhalten. Immer drängt es ihn, in Bewegung zu sein, etwas zu unternehmen und etwas zu sagen. Und so ist denn sein Handeln meistens nicht frei, schöpferisch und dynamisch, wie er es gerne annimmt; es ist zwanghaft. Wenn man lernt, innezuhalten und zu schweigen, wird man frei zu handeln oder nicht zu handeln, zu reden oder nicht zu reden, und menschliches Reden und Handeln erlangen dann neue Tiefe und neue Kraft.
Der heutige Mensch kann nicht mehr tief in sich gehen. Sobald er es versucht, wird er aus seinem Herzen gleichsam herausgeschwemmt, so wie die See eine Leiche ans Ufer spült. Der Mensch kann nur glücklich werden, wenn er zu den Quellen des Lebens in den Tiefen seiner Seele gelangt. Wird er jedoch dauernd aus seinem Zuhause verbannt und aus der stillen Klause seines geistlichen Lebens ausgeschlossen ist, hört er auf, Person (Anmerkung: wirklich Mensch) zu sein.
Der Dichter Khalil Gibran sagt: "Man redet, wenn man nicht mehr mit sich selbst in Frieden lebt. Und wenn man nicht mehr in den Tiefen seines Herzens wohnen kann, lebt man auf seinen Lippen. Dann wird Getön zum Vergnügen und Zeitvertreib"

Quelle der Zitate:

Anthony de Mello
„Wo das Glück zu finden ist“
Herder Verlag ISBN 3-451-28401-4

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