ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Spiritualität und Religion

Anlage zum "ZENtrum Aktuell 9/10 2006
Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell" Autoren und ihre Publikationen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums eng verbunden sind. Anliegen dieses Briefes ist es, einen Artikel von Anthony de Mello vorzustellen, erschienen in der Zeitschrift "Concilium", der in einem Buch von Carlos G. Vallès mit dem Titel "Frei und unbeschwert" veröffentlicht wurde. Der Untertitel dieses Buches lautet "Das spirituelle Vermächtnis von Anthony de Mello"

Anthony de Mello

Anthony de Mello wurde 1931 in Bombay/Indien geboren, studierte nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden Theologie, Philosophie und Psychologie. Als Exerzitien- und Weisheitslehrer verband er die Weisheit des Ostens, den Zen-Buddhismus, mit westlichen Weisheitstraditionen. Zahlreiche in mehrere Sprachen übersetzte Publikationen machten ihn weltbekannt. Bis zu seinem Tod in 1987 leitete er ein Beratungs- und Ausbildungszentrum in Lonavia/Indien.

Carlos G. Vallès

Carlos G.Valles ein spanischer Jesuit, lebte insgesamt 50 Jahre in Indien. Er nahm an vielen Seminaren und Retreats von de Mello teil. Seine Notizen aus diesen Seminaren waren die Grundlage für das Buch "Frei und unbeschwert", das er als das spirituelle Testament von Anthony de Mello bezeichnet. – Er ist selbst Autor weithin bekannter Bücher über spirituelle und ökumenische Themen in vielen Sprachen. Lange Zeit lebte er als wandernder Pilger in engem Kontakt mit unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung und mit den anderen Religionen des Landes.

Auszüge (Zitate)

aus einem Artikel von Anthony de Mello, erschienen in der Zeitschrift Concilium in Heft Nr. 17 (November 1982), veröffentlicht im Buch "Frei und unbeschwert" von Carlos G. Vallès.

"Warum ist Gott unsichtbar? Ist er nicht! Deine Sicht der Dinge, deine Vision ist getrübt und verzerrt – und deshalb siehst du ihn nicht. Die Leinwand im Kino wird unsichtbar, sobald der Film auf sie projiziert wird. Obwohl du unablässig auf diese Leinwand schaust, vermagst du sie doch nicht mehr zu sehen und wahrzunehmen – denn du bist zu sehr von dem darauf projizierten Film abgelenkt und eingenommen."

"Hör auf zu suchen, lass ab von deiner Reise und du wirst an deinem Ziel angekommen sein. Es gibt kein Ziel! Es geht nirgendwo weiter! Also halte ein und schau, was sich genau vor deinen Augen befindet. Je schneller du reisen willst und je mehr Anstrengungen du in deine Reise investierst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du vom Weg abkommst. Die Menschen fragen danach, wie sie Gott finden können? Die Antwort ist HIER. WANN werden sie ihn finden? Die Antwort ist JETZT. WIE werden sie ihn finden? Die Antwort ist, schweige, geh in die Stille und schaue."

"Wir versuchen, Gott zu "sehen". Aber werden wir je irgendetwas finden, was es zu sehen gibt? Und jemand sagt uns: Das ist eine Lotusblüte. Alles, was wir jetzt haben, ist ein neuer Name, ein neues Etikett und wir denken irrtümlich, dass wir jetzt über eine neue Erfahrung verfügten und etwas verstanden hätten. Sobald wir auf etwas ein Etikett mit einem Namen kleben können, haben wir das Gefühl, dass wir unserem Wissensspeicher etwas hinzugefügt hätten – dabei haben wir doch nur unser Lager an Etiketten um ein weiteres vergrößert.
Als Gott sich weigerte, Moses seinen Namen zu offenbaren und ihm gebot, dass er kein Bildnis von ihm machen dürfe, da wollte Er nicht nur den Götzendienst der unwissenden, primitiven Völker bekämpfen, die Gott mit einem Abbild identifizierten. Er wandte sich damit auch gegen den Götzendienst der modernen Intellektuellen, die ihn mit einer Idee, einer Vorstellung assoziierten. Denn all die Bilder und Konzepte von Gott, die in unserer Vorstellung existieren, können genau so wenig Seine Wirklichkeit wiedergeben wie Götzenbilder aus Stein und Lehm."

"Das Wort, die religiöse Formel, das Dogma: Sie alle sind als Hinweise gedacht, als Richtungsschilder und Hilfen, die Annäherung an Gott erleichtern. Aber sehr häufig werden sie zu einer unüberwindbaren Barriere. Es ist dann, als ob ich einen Bus nach Hause nähme und mich weigerte, an meiner Haltestelle auszusteigen. - Ich muss an so viele Menschen denken, die immer wieder im Kreise gehen, weil man ihnen nie beigebracht hat, endlich das Theologisieren und die Konzepte über das Göttliche aufzugeben, ebenso wie ihre diskursive Reflexion im Gebet und sich in die dunkle Nacht der Seele vorzuwagen; in die Wolke des Nichtwissens, von der alle Mystiker sprechen. Sie gehen durch das Leben und sammeln immer mehr Etiketten, so wie jemand, der immer mehr materielle Besitztümer anhäuft, die er doch nie gebrauchen kann.
Du verdurstest beinahe, und der Fluss fließt direkt vor deinen Augen, aber du bestehst darauf, erst eine Definition über die Natur des Wassers zu erarbeiten. Denn du bist davon überzeugt, dass du deinen Durst erst stillen kannst, wenn du eine exakte Formel für den Durstlöscher hast. Das Wort "Liebe" ist nicht Liebe und das Wort "Gott" ist nicht Gott. Niemand wird betrunken von dem Wort "Wein" und niemand hat sich an dem Wort "Feuer" die Finger verbrannt. Der Mensch ist merkwürdigerweise mehr an der Reflexion als an der Wirklichkeit interessiert. Also lebt er in einer fiktiven Welt. Wenn er über Gott nachdenkt, lebt er dennoch meist in einem religiösen Roman. Er ist von seinen Vorstellungen fasziniert, weil sie seiner Meinung nach die Wirklichkeit widerspiegeln. Aber sein Spiegel muss zerbrochen werden. Denn um wirklichen Hunger und Durst zu stillen, werden wirkliche Nahrung und wirkliches Wasser gebraucht. Nur die Vorstellungen und Bilder von Nahrung und Getränken werden diese Aufgabe nicht erfüllen können. Auch die Formel H2O wird keinen Durst löschen können, ganz gleich wie wissenschaftlich akkurat sie ist. Und genau so wenig sind Glaubenslehren über Gott= dazu in der Lage, so wahr sie auch sein mögen. Sie sind imstande, einen Menschen zu einem religiösen Fanatiker werden zu lassen, aber sie werden die Bedürfnisse seines Herzens nicht befriedigen.
Ein arabischer Mystiker kennt dazu eine gute Geschichte: Er erzählt von einem Mann, der verdurstend und verhungernd in der Wüste nach Rettung Ausschau hält und= schließlich in einiger Entfernung einen Sack entdeckt. Er eilt dorthin in der Hoffnung, der Sacke möge etwas zu essen enthalten, nur um herauszufinden, dass er voller Edelsteine ist."
"Ist es denn verwunderlich, wenn die christlichen Kirchen heutzutage an ein aufgegebenes Bergwerk erinnern, aus dem alles Wertvolle abgebaut wurde, weil man dies nicht zu verstehen vermochte. Was noch aus den Bergwerken abgebaut werden kann, sind Worte und Formeln; und der Markt ist damit überschwemmt.
Woran es überall fehlt, sind Erfahrungen, denn wir Christen sind auf dem besten Weg= "ein Volk des Wortes" zu werden. Wir leben wie ein Mensch, der sich an der Menükarte sättigt statt an der Nahrung. Das Wort "Gott", die Formel, die Gott beschreibt, wird uns wichtiger als die Wirklichkeit Gottes. Und ich sehe ein große Gefahr darin, dass wir die Wirklichkeit nicht erkennen können, wenn sie in Formeln auftritt, die nicht unseren Formeln entspricht, und sie sogar im Namen unserer Formeln zurückweisen und ablehnen.
- Ein Sufi-Meister sagt: "Ein Esel, den man in einer Bibliothek leben lässt, wird davon nicht weise. So hat alles religiöse Wissen mich nicht in irgendeiner Form besser gemacht und ist damit vergleichbar mit einem Wüstenort, der nicht fruchtbar wird, nur weil sich ein Schatz an diesem Ort befindet."
Diese Einstellung wird an der Art der theologischen Ausbildungsinstitutionen deutlich, die wir Christen betreiben. Man würde doch erwarten, dass diese Schulen Menschen ausbilden, die sich um den Durst des modernen Menschen nach Gott kümmern können. Aber leider sind sie nur zu Abziehbildern der weltlichen Schulen geworden. Sie haben Lehrer und Professoren statt (spirituelle) Meister, und statt Erleuchtung bieten sie Wissenschaft an. Der Professor lehrt, der Meister bringt zum Erwachen. Der Professor bietet Wissen, der Meister bietet erst einmal Nichtwissen an, denn er zerstört Wissen und schafft dadurch Erfahrung. Er bietet dir Wissen nur als Fahrzeug an und nur, um dich aus dem Fahrzeug wieder herauszuzerren., wenn der Zeitpunkt gekommen ist, an dem das Wissen die Schau des Wirklichen verstellt und unmöglich macht."

"Weltliches Lernen wird bewerkstelligt durch Reflexion, Denkprozesse und Sprechen. Religion lernt man jedoch durch schweigende Meditation. Im Orient bedeutet Meditation, Dhyan, nicht Reflexion, so wie wir es im Westen verstehen, sondern das zur Ruhe kommen aller Reflexionen und allen Denkens. Die weltlichen Schulen spucken als Ergebnis kleine Wissenschaftler aus. Aus den religiösen Schulen gehen dagegen Meditierende hervor. Es ist tragisch, dass die meisten christlich-theologischen Seminare lediglich bewirken, dass der weltliche Gelehrte zu einem religiösen Gelehrten wird. Die weltliche Schule erfüllt die Aufgabe, Dinge zu erklären und damit Wissen zu schaffen. Die religiöse Schule jedoch lehrt den Menschen, Dinge in kontemplativer Weise zu betrachten und schafft so den Sinn für das Staunen und das Wunderbare. Der Mensch zeichnet sich im Prinzip durch eine tiefe Ignoranz, eine Ahnungslosigkeit aus. Sein weltliches Lernen räumt diese Ahnungslosigkeit nicht aus – es versteckt sie nur besser und gibt dem Menschen die Illusion, von etwas Ahnung zu haben. In der religiösen Schule wird diese Ignoranz, dies Ahnungslosigkeit enttarnt und bloßgestellt, denn in dieser Ahnungslosigkeit findet sich Gott. Aber nur wenige christliche Schulen gehen diesen Weg. Nur zu häufig wird die fundamentale Ahnungslosigkeit begraben unter weiterer, diesmal religiöser Wissenschaft."

"Die christlich-religiöse Schule muss also Techniken entwickeln, um Wissen und Wissenschaft als Werkzeug gebrauchen, Ignoranz bloßstellen und das Wort in einer Weise anwenden zu können, die zum Schweigen, zu Stille führt. So geschieht es durch das Mantra oder das Bhajan in Indien, wo das Wort oder die Formel zwar zuerst mit dem Verstand aufgenommen, dann aber unablässig wiederholt wird, bis Stille entsteht und die Formel aus dem Verstand in das Herz übertragen wird. Dort wird seine tiefere Bedeutung gefühlt – jenseits aller Worte und Formeln.
Ein Behördenvertreter fragte mal den großen Meister Rinzai, ob sich das Geheimnis der Religion in einem einzigen Wort ausdrücken lasse. "Stille", sagte Rinzai. Und wie gelangt man zu Stille? "Meditation" Und was ist Meditation? "Stille"= "

"Heutzutage besteht die Gefahr, dass christliches Handeln mehr aus dem Gespräch und Reflexion hervorgeht als aus der Stille. Das Christentum droht also eine Religion des Sprechens und des Denkens zu werden. Von der Eucharistie spricht man als einer Feier (Zelebration), aber leider ist sie häufig zu einer Hirntätigkeit (Zerebration) verkommen. Wenn wir die Religion wieder zu einer Zelebration, einer Feier machen würden, dann müssten wir dabei das Denken und das Sprechen vermindern und stattdessen das Schweigen, die Stille und den Tanz fördern.
Ein Guru, der von einem Schüler gefragt wurde, wie er es geschafft hätte, Gottes Nähe zu erreichen, antwortete ihm:"Indem ich mein Herz weiß gemacht habe durch schweigende Meditation und nicht indem ich Papier schwarz gemacht habe durch religiöse Schriften." Und auch nicht, können wir hinzufügen, indem wir die Luft dicht und stickig machen durch Konversation über Spiritualität."

Carlos G. Vallés= Frei und unbeschwert – Santiago Verlag ISBN3-9806468-2-3

Weitere Informationen zu den Autoren:

http://de.wikipedia.org/wiki/Anthony_de_Mello

http://kirchentanz.de/demello/bibliographie.htm