ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Verborgenes Geheimnis - Die Weisheit der Bibel als spiritueller Weg

Anlage zum "ZENtrum Aktuell 3/4 2013
Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell", Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums eng verbunden sind. Bei dieser Anlage geht es (wieder) um Spiritualität außerhalb und innerhalb Religionen.
"Die Weisheit der Bibel als spiritueller Weg" ist sowohl der Titel einer Sendung mit Richard Rohr als auch der Titel eines Buches von Richard Rohr.

Richard Rohr

Richard Rohr (geb 1943) ist Franziskanerpater und Gründer des Zentrums für Aktion und Kontemplation in New Mexico/USA . Er gehört zu den international bekannten und gefragten Vertretern einer zeitgenössischen christlichen Spiritualität. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt von Anfang an auf einer Verbindung von Bibel und Spiritualität.

Einleitung

Die Sendung über dieses Thema, das auch der Titel eines Buches von Richard Rohr ist, wurde in drei Teilen ausgestrahlt. Richard Rohr macht deutlich, dass viele Menschen den Kern christlicher Spiritualität verwechseln mit religiösen Konventionen und religiösen Formen, die entweder nichts mehr sagen und einfach übernommen werden, ohne dass davon das Leben geprägt und verwandelt wird. Daher wenden sich viele Menschen von ihrer Religion ab, weil sie erkannt haben, dass diese Konventionen und religiöse Formen ohne Wirkung auf ein spirituelles Leben sind. Wenn man sich auf die spirituellen Inhalte der Bibel konzentriert, die wie andere spirituelle Wege zu einer Transformation und Bewusstseinsveränderung führen können, muss dies aber nicht sein.

Alle drei Sendungen können bei You Tube gehört werden. Links hierzu stehen am Ende der Zitate.

Zitate

"Wir fühlen uns alle so klein, dass wir meinen, Weisheit nur von außen zu bekommen. Ich verstehe das, weil ich auch so begonnen habe. Aber die wunderbare Erfahrung ist, dass die Weisheit im Innern zu finden ist. In der Sprache der Mystiker heißt es: "Gott du warst die ganze Zeit in mir und ich wusste es nicht. Das ist die Erkenntnis eines Gottes, der einerseits im Jenseits ist, andererseits aber auch im Innern ist. Wenn diese beiden Erkenntnisse zusammenfallen, dann wandelt sich die Religion zur Spiritualität. Aber erst ist eine innere Erfahrung notwendig. Um den Weg zu der Verborgenheit in den Religionen müssen zunächst mächtige Barrieren und Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden."

"Die Weitergabe von lebendiger religiöser Erfahrung ist heute im christlichen Raum, zumindest in Europa, durch Unkenntnisse, Missverständnisse, Spaltungen und existentielle Widersprüche zu einer Ausnahmeerscheinung geworden. Dabei fehlt es in der Welt durchaus nicht an Religion. Aber es fehlt an authentischer Spiritualität und an einer geerdeten Weisheit, die sich aus der Quelle eines bewussten Lebens speist, das sich an den großen Religionen orientiert."

"Man muss zu den verborgenen Dingen vordringen, um zu verstehen, worum es eigentlich geht. Mit Formen meine ich Sakramente, die Dogmen, die Bibel. Das alles sind externe Wegweiser. Die meisten Menschen scheinen aber mit dem Wegweiser zufrieden zu sein. Ich wundere mich, dass viele Menschen, nicht nur die Christen sondern auch in anderen Religionen, die Inhalte mit dem Behälter ersetzen."

"In unserer Gesellschaft gibt es aber auch Menschen, die statt mit den Behältern, also mit den Formen und Konfessionen, mit einer selbstgebastelten Lebensphilosophie ihr Leben besser leben können als in einer Glaubensgemeinschaft. Das trifft unglücklicherweise für einen großen Teil im säkularisierten Europa zu. Sie sind unzufrieden mit den Formen, gehen aber auch nicht wirklich auf eine spirituelle Suche nach der tieferen Bedeutung dieser Formen. Da ist eine Leere, die man bei vielen westlichen Menschen sieht. Sie haben die traditionellen Formen aufgegeben, haben aber noch nichts anderes gefunden. Dann kommt etwas anderes, dass an diese Leerstelle tritt. Meistens ist das Konsumismus, Materialismus oder auch Irrationalismus. Irgendein Ismus wird dann ihre de Facto-Religion. Manchmal werden die Leute auch esoterisch, wobei Esoterik nicht immer schlecht sein muss, insofern sie ein Anfang sein kann, um spirituelle Erfahrungen zu machen und sie führt dann auf eine Reise in die Kontemplation. Aber manchmal kann auch Esoterik die neue Ersatzform werden, auf die man dann ganz versessen ist."

"Wenn man nach dem Kern des Christlichen fragt, kommt man nicht an der Frage vorbei, welche Rolle Jesus darin spielt. Wollte Jesus eine neue Religion gründen? Wollte Jesus die Menschen von etwas ganz Neuem informieren? Was war die Berufung jenes Mannes, der im neuen Testament der 'Menschensohn' genannt wird. Jesus gab und die Weisheit, die für die Tiefe, den Fortschritt und die Reform in allen Religionen notwendig ist. Er war ein Reformer von Religion. Ich glaube nicht, dass es seine Absicht war, seine eigene Institution oder Religion zu gründen. Manche Christen werden glauben, dass das eine Häresie ist. Aber man braucht doch nur zu sehen, wie wenig Früchte da produziert werden."

"Das Christentum ist über weite Teile in seiner Geschichte in einer wetteifernden und gar kämpferischen Haltung anderen Religionen aufgetreten. Es hat oft nicht Brücken für die Welt gebaut, sondern oft Barrieren oder Grenzen. Man sagte dann, so sind wir nicht. Damit stimmen wir nicht überein. Ihr habt nicht recht. Unser vorrangiges Wort der Welt gegenüber war Nein, Nein und nicht Ja zur göttlichen Präsenz, ja zum göttlichen Geheimnis. Weil wir so viele Grenzziehungen gemacht haben, um uns zu beweisen oder uns zu verteidigen, sind wir zu wenig dazu gekommen, die verborgenen Dinge zu offenbaren. Das ist traurig. Ich sehe daher Jesus als so wichtig für die Reform jeder Religion. Klar ist, dass er das Judentum reformieren wollte. Aber im Judentum reformierte er zugleich jede Religion."

"Es ist gefährlich, die Bibel in die Hände von Menschen zu geben, die keine eigene Erfahrung Gottes haben, denn sie werden das dann immer missverstehen oder missbrauchen. Ich glaube, dass die Bibel ein sekundäres Handwerkzeug ist. Das Primäre ist ein inneres und kontemplatives Leben. Und das ist für mich dasselbe."

"Ein kontemplatives Leben ist ein Leben der Achtsamkeit für das, was ist. Es beginnt mit einer natürlichen Dankbarkeit für die außergewöhnliche Tatsache meines Daseins. Diese natürliche ursprüngliche Religiosität ist das Fundament, auf das eine bestimmte konfessionelle Überzeugung authentisch aufbauen kann. Es geht, vereinfacht, darum, eine positive Haltung zum Leben zu haben, die aus der Erfahrung folgt, dass ich mich nicht gemacht habe und mein Leben mir jeden Tag neu geschenkt ist."

"Wenn man auf das katholische und evangelische Christentum schaut, sieht man, dass große Teile darauf versessen sind, die intellektuell richtigen Glaubenssätze zu haben, die moralisch korrekten Vorstellungen. Man glaubt zu wissen, welche Menschen in den Himmel kommen und welche nicht. Das ist rein konzeptionell und verlangt nichts von der eigenen Seele. Ich bin davon überzeugt, dass man Gott erfahren kann, sogar ohne an ihn zu glauben. Ich kenne viele säkulare Menschen, die in Gemeinschaft, Verbindung und Mitgefühl mit der Realität leben. Sie sind mit einem Frieden in Verbindung, die sie nicht Gott nennen, der aber viel stärker ausstrahlt als von vielen Katholiken, die jeden Sonntag zur Messe gehen und die trotz ihres vermeintlich richtigen Glaubens, von sich selbst, von der Welt und den Menschen abgespalten sind."

"Religiöse Tradition ist nicht ein Wert an sich. Sie einfach zu glauben und weiterzugeben, ohne sie existentiell zu überprüfen und zu verordnen, bewahrt mehr die Asche als die Glut. Und guten Traditionen sollte es um die Weitergabe der Glut gehen. Denn sie bewahrt Erfahrungen, die nicht nur wiederholt werden sondern sich auch selbst verändern im jeweils anderen Zeitkontext."

"Wie aber verhalten sich Menschen so, dass sie bereit sind, der Erfahrung Gottes zu öffnen? Zumeist ist es so, dass Menschen verwundet werden. Diese Verwundung kann eine schmerzhafte sein. Aber sie kann auch bedeuten, dass Menschen in besonderer Weise vom Geheimnis des Lebens berührt werden. Das ist die heilende Wunde, die für die spirituelle Erfahrung wichtig ist. Menschen, die zu einem höheren Bewusstsein heranreifen, könnte man auch biblisch beschreiben. Sie erlauben sich Teil eines inneren Dialogs zu sein, an der göttlichen Gegenwart in ihnen Anteil zu haben. Das wählst nicht du, sondern Gott. Er ergreift die Inititative. Du kannst dich ihm nur öffnen."

"Was Menschen in diesen Zustand bringt, vielmehr als dies die Struktur von Religion tut, ist große Liebe und großes Leiden. Menschen, die tief auf eine Reise der Liebe gehen, dezentralisieren ihr Leben, denn dann wird der oder die, die wir lieben, wichtiger als wir selbst. Wenn du in deinem Leben die Erfahrung gemacht hast, dass eine andere Person wichtiger ist als du, dann hast du noch nicht wirklich geliebt. Wenn du aber zu einer anderen Person stehst, die wichtiger wird als du selbst, kommst du immer auch in eine Ebene des Leidens für sie oder wegen ihr. Das ist unvermeidlich. Auch wenn das vielleicht 2,3,4 oder 10 Jahre braucht, Liebe und Leiden öffnen dich für ein nicht-duales Denken. Es gibt keine rationale Erklärung für die Liebe. Warum ich liebe und woher das kommt. Dieses Handeln, das aus einer tiefen Liebe kommt, ist aus dem täglichen Denkmuster heraus nicht erklärbar. Denn im Alltag sind die meisten Menschen darin geschult worden, dualistisch zu denken."

"Wir müssen heute lernen, nicht-dual zu denken. Beim dualistischen Denken teile ich das Feld, das vor mir liegt. Du akzeptierst den Teil, den du magst und verstehst. Aber du eliminierst den Teil, den du nicht magst oder nicht verstehst. Ich mag dies, jenes aber nicht. Was wir alle machen, wenn wir die Kontrolle behalten wollen, ist dualistisch zu denken. Und wir positionieren unser Ego auf die positive Seite. 'Mein Land ist das Beste, meine Religion steht über anderen'. Das ist der Lauf unserer Geschichte. Diese Trennung schafft Gewalt. Wenn du dualistisch bist, dann wirst du notwendigerweise gewalttätig, wenn nicht physisch dann zumindest psychisch. Denn du wirst das hassen und dich von dem trennen, was du nicht magst. Wenn du aber die ganze Wirklichkeit akzeptierst, wie sie ist, wirst du nichts ausgrenzen müssen. Du musst weder dich selbst noch andere hassen. Du musst keinen anderen Menschen, keine Religion oder Kultur herabsetzen. Das ist zentral, wenn das Christentum Gewaltlosigkeit verstehen will."

"Religion mit hohem Niveau zerstört das dualistische Denken absolut. Religion auf einem niedrigem Niveau ist mehr ein Problem als eine Lösung."

Hier die Links zu den drei Teilen dieser Sendung:

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