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Psychotherapie und Meditation - Harald Piron

In diesem Artikel geht es um die vergleichende Gegenüberstellung von Psychotherapie und Meditation. Tiefebereiche von Meditation und Psychotherapie werden unterschieden. In einem abschließenden Plädoyer für eine transpersonal-integrierende Betrachtungsweise wird die Verbindung von meditativem Gewahrsein und Psychotherapie als richtungsweisend herausgestellt.

Heilsame Kontexte von Begegnung

Psychotherapie ist ein bestimmter Kontext, in dem sich zwei Menschen begegnen: ein Hilfesuchender und ein professionell ausgebildeter Helfer. Meditation ist eine bestimmte Art und Weise, sich selbst zu begegnen. Psychotherapie und Meditation lassen sich beide als heilsame Kontexte verstehen, in denen Begegnung stattfindet. Diese Begegnung mit einem Therapeuten oder mit sich selbst unterscheidet sich von anderen Begegnungen darin, dass ein Raum geschaffen wird, der explizit der Entwicklung von Bewusstsein dient. Es geht also nicht einfach um einen netten Zeitvertreib, eine erholsame Entspannung oder eine Ablenkung vom Alltag, sondern um die Generierung von Klarheit, Erkenntnis und Weisheit. Je nach Zielsetzung und Methodik unterscheiden sich die einzelnen Psychotherapieformen wie auch die verschiedenen Arten von Meditation.

Verhaltenstherapie und Psychoanalyse

Die beiden, von deutschen Krankenkassen einzig anerkannten Therapieformen unterscheiden sich in der Art der Tiefendimension und Kausalattribution. In der pragmatisch und funktional ausgerichteten Verhaltenstherapie verläuft die Tiefendimension vertikal, d. h. sie durchzieht die verschiedenen Ebenen von Verhalten: Denken, Gefühle, Physiologie und Motorik. Je "tiefer" geschaut wird, desto eher lassen sich sog. "dysfunktionale" (problematische) Verhaltensmuster und Emotionen auf dysfunktionale Denkmuster (irrationale Überzeugungen, Bewertungen, Interpretationsstereotypien) zurückführen. Das Ursachemodell ist somit gegenwartsorientiert. Erfahrungen in der Vergangenheit lassen sich zwar lerntheoretisch als Konditionierungsgeschichte einer bestimmten Einstellung verstehen, Ursache für gegenwärtige Verhaltens- und Erlebensweisen ist jedoch das Bewusstsein zu einem gegebenen Zeitpunkt. In der Verhaltenstherapie wird die Veränderung eines symptomatischen, behindernden Verhaltensmusters oder eine Erweiterung des Verhaltensrepertoires angestrebt. Durch Methoden der Dekonditionierung können unerwünschte Verhaltensmuster, zu denen auch irrationale Überzeugungen und dysfunktionale Denkweisen zählen, gelöscht werden und mittels Kompetenztrainings werden neue erwünschte Verhaltensweisen und Einstellungen aufgebaut. Eine dritte Art, die sich als Ressourcenaufbau bezeichnen lässt, beinhaltet erlebnisorientierte Übungen und Experimente, die der Steigerung von Wachheit, Kreativität und Spontaneität dienen.

Ganz anders geht die Psychoanalyse vor: Hier werden die Ursachen für aktuelle Probleme in der Vergangenheit (Kindheit) gesucht. Das tiefenpsychologische Kausalmodell orientiert sich an der Zeitdimension. Die Tiefendimension verläuft hier also horizontal und weist in die Vergangenheit (Tiefe=Unterbewusstes=Vergangenheit). Je weiter ein als Ursache definiertes Ereignis zurückliegt, desto "tiefer" geht das Problem. Heilung bedeutet hier, dass der Patient die Deutung seines Therapeuten akzeptiert, als hilfreich empfindet und seine Probleme jetzt besser versteht, da er sie auf frühere unglückliche Erfahrungen zurückführen kann. Aus psychoanalytischer Sicht entspricht die Tiefe einer Einsicht der Bewusstwerdung von zusammenhängenden Ereignissen oder Erfahrungen, die zeitlich sehr weit auseinanderliegen.

Beiden therapeutischen Ansätzen, wie auch den meisten anderen Schulen, ist die übergeordnete Zielsetzung gemeinsam, dass der Hilfesuchende über seine Vergangenheit hinauswachsen soll. In der Psychoanalyse dauert dieser Prozess wesentlich länger. Daher bewilligen die Krankenkassen hierfür auch mehr Stunden. Von einer Verhaltenstherapie wird aufgrund der vielen Studien, die eine hohe Effektivität nachweisen, der Heilungserfolg innerhalb von 25 bis 60 Stunden erwartet.

Die Tiefendimension in der Meditation

Während die westliche Tradition der Psychotherapie erst Anfang des letzten Jahrhunderts begann, gehört die Meditation zu dem ältesten Kulturgut der Menschheit. Sie bildet das Herz aller Religionen und kann in Indien auf eine Geschichte von mindestens 5000 Jahre zurückblicken. Trotz einiger Gemeinsamkeiten mit der modernen Psychotherapie gibt es einen wesentlichen Unterschied: Durch Meditation wird nicht versucht, eine Änderung in der Persönlichkeit oder im Verhalten hervorzurufen. Es geht vielmehr darum, das nicht-entstandene Wesen zu erkennen und zu erfahren, das man schon immer ist. Es entzieht sich jeglicher Begrifflichkeit oder Modellvorstellung. Es kann nicht durch begriffliches Denken analysiert, sondern nur in der Meditation bzw. in einem Zustand von Nicht-Denken erfahren werden. In der Psychotherapie wird im allgemeinen nicht unterschieden zwischen Selbst und Selbstbild. Eine Ausnahme bildet die Psychosynthese nach Roberto Assagioli: Durch Disidentifikation von allen Selbstbildern, Rollen und Teil-Identitäten wird das Bewusstsein entleert, um für eine Erfahrung empfänglich zu werden, die transpersonal, überbewusst und unkonditioniert ist. Meditation gipfelt in der Erfahrung dessen, was die Christen "Gott", die Hinduisten "Atman" (Selbst), die Buddhisten "Buddhanatur" oder "Dharmakaya" und die Sufis "Essenz" nennen. Diese Gipfelerfahrung ist jedoch selten das Ergebnis einer einzigen Meditation. Die Meditationslehrer/innen aller Traditionen warnen davor, anfängliche Erfahrungen von Harmonie, Glück oder Frieden mit der großen Einheitserfahrung der Mystiker gleichzusetzen. Meditative Wege sind Übungswege, die in der Regel über die ganze Lebensspanne hinweg praktiziert werden. Dabei können folgende Tiefebereiche unterschieden werden, die sich in einer empirischen Studie bei 40 Meditationslehrer/innen unterschiedlicher Traditionen mit Hilfe einer statistischen Clusteranalyse finden ließen (vgl. Piron, 2003):

1. "Hindernisse": Trägheit, Gedankenrasen, Angespanntheit, Langeweile, Dösigkeit, übermäßige Anstrengung und andere Hindernisse werden vor allem in den Anfangsstadien erfahren.
2. "Entspannung": Ruhige Atmung, Geduld und Wohlbefinden zählen zu den ersten Früchten einer kontinuierlichen Meditationspraxis.
3. "Personales Selbst": Die Stabilisierung des Geistes führt zu der Erfahrung einer inneren Mitte, die in der Psychosynthese als das wahre Ich oder personale Selbst bezeichnet wird. Es ist nicht das Ego, auch nicht der Verstand, sondern der nicht-identifizierte Beobachter aller inneren und äußeren Phänomene. Zu diesem Tiefebereich zählen Qualitäten wie Konzentration, Achtsamkeit, das Erleben einer inneren Energie bzw. eines Energiefeldes und das Erleben der eigenen Steuerungsfähigkeit bzgl. Gedanken und Aufmerksamkeit. Gleichmut und innerer Frieden markieren den Übergang zu dem nächsten Tiefebereich.
4. "Transpersonale Qualitäten": Zeit- und Körpergefühl lösen sich auf. Die Grenzen der eigenen Person werden durchlässig. Essenzielle Qualitäten wie Hingabe, Liebe, Verbundenheit, bedingungsloses Angenommensein, Dankbarkeit, Demut und Gnade gehen Hand in Hand mit einer ansteigenden Wachheit und Klarheit des Bewusstseins. Die Früchte der Meditation werden gekostet, ohne dass sie als Ergebnis eigener Anstrengung gewertet werden. In der mystischen Literatur werden sie oft als Geschenke des Himmels bezeichnet. Dieser Tiefebereich gipfelt in der Erfahrung grenzenloser Freude, die sich mit keinem irdischen Glück vergleichen lässt.
5. "Transpersonales Selbst": Alle kognitiven Vorgänge wie Gedanken, Konzepte, Bewertungen und Unterscheidungen kommen vollständig zur Ruhe. Das Bewusstseinsfeld wird leer und grenzenlos. Subjekt und Objekt existieren nicht mehr. Nichts wird wahrgenommen, niemand erlebt etwas. Jegliche Dualität von Gegensätzen, wie auch jene zwischen innen und außen, wird überwunden. Allumfassendes Einssein ist hier kein Gefühl oder Konzept, sondern wird hier als absolute Wirklichkeit erfahren. Die Leerheit aller personalen, dinglichen und begrifflichen Konstruktionen wird zu einer dauerhaften Erkenntnis.

In allen spirituellen Traditionen lassen sich diese Tiefebereiche finden. Die Tiefedimension, die sich durch Meditation entfaltet, ist also eine völlig andere als die Tiefendimension in der Psychoanalyse. Sie weist nicht in die Vergangenheit bzw. in das (subpersonale) Unterbewusste, sondern in die zeitlose Gegenwart und in das (transpersonale) Überbewusste.

Integration von spiritueller Tiefe und psychischer Stabilität

Ein anderes Thema ist jedoch die Umsetzung im täglichen Lebensvollzug. Wie können sich die durch Meditation entfalteten Qualitäten von Liebe und Weisheit im Alltag bewähren? Und wie können diese transpersonalen Qualitäten Hand in Hand gehen mit der personalen Ich-Stärke, die für das existenzielle Leben in einer Gesellschaft der westlichen Hemisphäre unverzichtbar ist? Es kann ja schließlich nicht der Sinn des Lebens sein, in einer ewig andauernden meditativen Glückseligkeit zu versinken und vor Liebe nur so überzufließen, aber für diese Welt weder brauchbar noch überlebensfähig zu sein. Viele Suchende, die ein altes Lebensmodell aus einer anderen Kultur für ihr Leben im Westen übernommen haben, sind jetzt abhängig von der finanziellen Unterstützung arbeitender Menschen.

Es scheint mir die Aufgabe der transpersonalen Psychotherapie zu sein, die Kluft zwischen Spiritualität und personalem Wettbewerb zu überbrücken, indem Meditation und Psychotherapie zusammenfließen. Psychische Defizite wie emotionale Abhängigkeit, Angst oder Willensschwäche lassen sich nicht durch Meditation bewältigen, sondern erfordern eine psychotherapeutische Behandlung. Ebenso können transpersonale oder nonduale Bewusstseinszustände nicht durch Psychotherapie erarbeitet werden, sondern entfalten sich durch eine kontinuierliche Meditationspraxis.

Meditation und Psychotherapie ergänzen sich. Mit der Psychosynthese liegt ein Ansatz vor, der auf die Synthese von Personalität und Transpersonalität abzielt. Das personale Wachstum, welches das übergeordnete Ziel von Psychotherapie darstellt, und das transpersonale Wachstum, wie es auf allen spirituellen Wegen als Entfaltung von Liebe, Weisheit und Erleuchtung verstanden wird, dürfen sich nicht ausschließen, sondern ergänzen einander. Der Mensch, der sich in beiden Dimensionen weiterentwickelt, kann sich nicht nur glücklicher schätzen, sondern wird auch derjenige sein, der im Vergleich zu dem nur personalen oder nur transpersonalen Typ überlebensfähiger ist. Wenn eine Entwicklungsdimension verkümmert oder vernachlässigt wird, resultiert Labilität und Krankheit.

Der Ausspruch von Willigis Jäger, "der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein" müsste etwas umgeändert werden: Der Mensch der Zukunft wird ein pragmatischer Mystiker oder ein mystischer Pragmatiker sein.

Das achtsame, gegenwärtige Gewahrsein, wie es dem mittleren Tiefebereich des oben dargestellten Modells entspricht, ist bereits ein Bestandteil von moderner Psychotherapie geworden. Sowohl in tiefenpsychologischen (z. B. bei Gottfried Fischer) wie auch in verhaltenstherapeutischen Ansätzen (z. B. bei Marsha Linehan) spielt es eine zentrale Rolle. Jenseits der Motorik, der Physiologie, den Emotionen und den Kognitionen gewinnt diese fünfte Dimension, die man auch ganz einfach "Bewusstsein" nennen kann, in der modernen Verhaltenstherapie zunehmend Bedeutung. Zwar wird eine meditative Übung oder Erfahrung im Rahmen einer Psychotherapie niemals einer "spirituellen Selbstverwirklichung" gleichkommen, sie kann aber der Anfang eines meditativen Weges sein - oder auch nur als einzelne Übung große Dienste erweisen. Die Begegnung von Meditation und Psychotherapie wird vermutlich die interessanteste und fruchtbarste Epoche auf dem Gebiet der Psychotherapie werden und das weiterführen, was Jung, Assagioli, Frankl, Ellis und andere Pioniere bereits begonnen haben. Dabei wird es eher nicht um die Erfindung neuer Therapieschulen gehen, sondern vielmehr um Weiterentwicklungen der bereits bestehenden Schulen, vor allem der Tiefenpsychologie und der Verhaltenstherapie. Eine Synthese von Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie mit besonderer Berücksichtigung und Integration des transpersonalen, transkulturellen Bewusstseins erscheint nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, um den Herausforderungen des neuen Jahrhunderts begegnen zu können.

Harald Piron

weiterführender Artikel:

Besprechung zum Buch"Transpersonale Verhaltenstherapie"

weiterführende Literatur

  • Roberto Assagioli (1978): Psychosynthese - Prinzipien, Methoden und Techniken.
    Aurum Verlag, Freiburg i. Br.
  • Harald Piron (2003): Meditation und ihre Bedeutung für die seelische Gesundheit.
    BIS-Verlag, Oldenburg.
  • Harald Piron, Transpersonale Verhaltenstherapie
    Vianova Verlag ISBN 978-3-86616-063