ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Was ist Psychosynthese ?

Autor: Hans Piron

Die meisten, die schon einmal von der Psychosynthese gehört haben, kennen auch ihren Begründer: Roberto Assagioli (1888-1974), der Arzt und Psychiater war. Stanislav Grof, einer der Mitbegründer der Transpersonalen Psychologie, nannte ihn in einem im Hessischen Rundfunk gesendeten Gespräch einen der Väter einer spirituellen Psychologie und Therapie. Es ging um das Thema der menschlichen Sehnsucht nach Transzendenz und auch um die Frage, warum die Spiritualität bei den herkömmlichen Therapien so wenig einbezogen wird.
Die Psychosynthese spricht besonders auch Menschen an, die im Grunde psychisch gesund sind und durchaus mit dem Alltag des Lebens zurechtkommen, die aber dennoch eine Unzufriedenheit in Ihrem Leben spüren. Da mag ein Bedürfnis nach mehr Selbstbestimmung sein, um unabhängiger von äußeren Einflüssen zu sein. Da können Fragen sein wie "Wozu bin ich hier?", "Was ist der Sinn meines Lebens?", "Wo ist mein Platz auf dieser Welt?" Diese Fragen gehen häufig einher mit etwas, was man als "spirituelles Erwachen" bezeichnet und häufig nach tiefgreifenden Veränderungen im Leben geschieht, hervorgerufen auch durch Krisen im äußeren Lebensbereich. Die Psychosynthese kann mit ihrer spirituellen Dimension und ihren Methoden wertvolle Unterstützung leisten.
Assagioli ging davon aus, dass der Mensch eine Seele ist und eine Persönlichkeit hat und aus der Tiefe seines Wesens nach Einheit und Verbundenheit, nach Ganzheit und Selbstverwirklichung, nach Lebensfreude und nach einem tieferen Sinn im Leben strebt.
"Synthese" bedeutet das Zusammenfügen der Teile oder Elemente, um ein Ganzes zu bilden. Diese ganzheitliche Betrachtung des Menschen unter Einbeziehung intuitiver und inspirativer Kräfte aus dem Überbewussten nannte Assagioli daher Psychosynthese. Er bezog sich dabei auch auf die Schriften von Alice Bailey, die meinte, dass "Synthese" heute den Trend aller evolutionären Prozesse bestimmt und alles auf größere Vereinigung hinarbeitet".
So ist die Psychosynthese auch mit der Vision einer evolutionären Entwicklung der Menschheit insgesamt verbunden, zu der jeder durch seine eigene individuelle Entwicklung beitragen kann.
Die Psychosynthese ist unabhängig von der Zugehörigkeit zu Religionen und Glaubenssystemen. Die transpersonale/spirituelle Erfahrung steht im Vordergrund und nicht das Glauben an etwas, das von außen an einen herangetragen wird.

Das "Ich" - Zentrums des Gewahrseins

Die Psychosynthese basiert auf einer personalen und einer transpersonalen Ebene, einem Personalen und einem Transpersonalen Selbst.
Das Personale Selbst wird auch ICH genannt. Das Ziel der Psychosynthese auf der personalen Ebene ist es, den Kontakt zum zu diesem ICH zu stärken. Assagioli definierte dieses ICH als Zentrum, aus dem bewusst wahrgenommen werden kann. Es setzt die Präsenz der Gegenwart und das Wahrnehmen im Hier und Jetzt voraus.
Das Üben von Gewahrsein und Achtsamkeit zum Beispiel durch Meditation hilft, mehr mit diesem Zentrum zu sein und dabei zum Beobachter dessen zu werden, was in seinem Innern vorgeht: im Körper, in den Gefühlen und im Kopf mit seinem ständigen Gedankenfluss.

Das "Ich" - Zentrums des Willens

Neben der bewussten Wahrnehmung hat dieses ICH eine weitere wichtige Funktion. Es ist auch das Zentrum, in dem bewusst Entscheidungen getroffen werden können, in dem man eine Wahl hat, in dem man "ja" und "nein" sagen kann, bewusst und nicht als eine bloße Reaktion aus einem konditionierten Verhaltensmuster. Während der Wille in den herkömmlichen Therapien keine große Beachtung findet, hat Assagioli der Tatsache, dass der Mensch eine Wahlmöglichkeit hat, eine hohe Bedeutung zugemessen. Er ging davon aus, dass ein gut entwickelter Wille, bewusst zu handeln und zu entscheiden, die Voraussetzung für die Entwicklung zu einer reifen und verantwortungsbewussten Persönlichkeit ist. An einem gut entwickelten Willen mangelt es vielen Menschen, weil ihnen als Kinder vermittelt wurde, dass man nichts zu wollen hat. Den Willen des Kindes zu brechen, war in der Vergangenheit ein wesentliches Erziehungsziel. Der Wille wird aber auch häufig mit Egozentrik gleichgesetzt und hat daher auch deshalb keinen guten Ruf.

Die "gesegneten" Widerstände

Krisen und Herausforderungen sind häufig notwendig, damit Menschen aus ihrer Lethargie erwachen und dazu gezwungen werden, ihr Leben zu verändern. Assagioli nannte sie "blissed obstacles", die "gesegneten Widerstände". Er ging davon aus, "dass jedem Menschenleben ein Sinn zugrunde liegt und Herausforderungen und Widerstände dazu da sind, sich ihnen zu stellen und daran zu wachsen". Sie sind das "Schrot für die Mühle", wie Ram Dass sie auch genannt hat. Durch solche Herausforderungen wird man gezwungen zu untersuchen, was das Fließen der Lebensenergien behindert, wo Blockaden sind, deren Ursachen in der individuellen Vergangenheit oder auch in den Normen von Erziehung und Gesellschaft liegen können.

Teilpersönlichkeiten

Bei dieser Arbeit mit den unbewussten Kräften wird immer mehr die Struktur der eigenen Persönlichkeit und typischer Verhaltensweisen erkennbar. Diese einzelnen Teile der Persönlichkeit, Rollen, Verhaltensmuster, Charakteristika der Persönlichkeit werden in der Psychosynthese "Teilpersönlichkeiten" genannt. Zunächst einmal ist es notwendig, sich bewusst zu machen, dass man diese Teilpersönlichkeiten hat und nicht ist. Das wiederum setzt voraus, dass man aus der Rolle eines Beobachters eine Distanz zu diesen Teilen schafft. Durch diese Desidentifizierung kann man diese Zwänge und unliebsamen Verhaltensweisen bewusst machen und sich von ihrem Einfluss befreien. Assagioli: "Das, mit dem wir uns identifizieren, beherrscht uns. Das, von dem wir uns desidentifizieren können, beherrschen wir."

Transpersonale Erfahrungen

Die meisten Menschen haben solche Erfahrungen schon gemacht. In einer Übung in meinen Workshops bitte ich die Teilnehmer, sich an ein unvergessliches Erlebnis in der Vergangenheit zu erinnern. Die Teilnehmer berichten dann über solche Erfahrungen. Sie beziehen sich meisten auf Ereignisse, die plötzlich geschahen, in der Natur oder auch in der Begegnung mit Menschen. Bei diesen Ereignissen blieb die Zeit stehen, man erfuhr eine tiefe Verbundenheit mit allem, Liebe, Glück, Geborgenheit und hat sich als einen Teil eines größeren Ganzen wahrgenommen. Diese so erfahrenen Qualitäten werden dieser transpersonalen Ebene zugeordnet. Man kann nichts dafür tun, sie werden einem plötzlich geschenkt. Sie überschreiten das kleine Ich und das Ego. Mit diesen Erfahrungen geht meistens eine Stille einher, weniger eine Stille, die von außen sondern im Innern erfahren wird. Der üblich gedankliche Prozess ist zur Ruhe gekommen und dadurch entsteht Raum für diese Erfahrungen.
In dieser Erfahrung von Stille wird einem bewusst, wer man im Kern wirklich ist, das "wahre Selbst", das über die auf dieser Welt lebende Person hinausgeht. Es ist die Erfahrung des Transpersonale Selbst, wie es die Psychosynthese nennt.
Man kann dieses Selbst mit der Sonne vergleichen, die Wärme, Licht und Kraft gibt, ohne die ein Leben auf der Erde nicht möglich ist. In dieser analogen Betrachtung sind die Sonnenstrahlen das " Überbewusste". Während das Unbewusste seine Wurzeln in der Vergangenheit hat, so liegt in diesem Überbewussten das Potential für unsere Zukunft, das Intuitive, das Neue, das Schöpferische und Kreative, das uns auf unserem Weg hilft, uns weiter zu entwickeln.
In diesem Kontakt mit dem Transpersonalen Selbst wird wieder dieses Urvertrauen erfahren, das häufig im Laufe unseres Lebens abhandengekommen ist. Auf dieser Ebene ist reines Sein und nicht Denken und Handeln angesiedelt, Zeitlosigkeit und nicht zeitlich bedingte Prozesse. Sie sind vergleichbar mit Erfahrungen, von denen Mystiker in allen Religionen berichten.
Menschen, die regelmäßig meditieren (Zen, Vipassana), machen häufig solche Erfahrungen. Sie führen zu einem wirklichen Erwachen aus dieser Illusion von Getrenntheit, die mit dem Ego-Bewusstsein verbunden ist.
In der Psychosynthese helfen reflektive und rezeptive Meditationsübungen, um den Zugang zum transpersonalen Bewusstseinsraum, zum Überbewussten zu öffnen.

Landkarten sind nicht die Landschaft

Assagioli hat betont, dass die Psychosynthese ein psychologisches Modell ist und nicht die Wahrheit. "Der Finger, der zum Mond zeigt, ist nicht der Mond", heißt es in einem buddhistischen Zitat. Die Begriffe dieser "Landkarten" sind mit einem Fingern zu vergleichen, die zum Mond zeigen, wenn man den Mond in dieser Analogie als die konkrete Selbsterfahrung betrachtet. Dennoch oder gerade deswegen sind sie gute Orientierungshilfen für den eigenen Weg zur Wahrheit, um ihn bewusster und mit mehr Klarheit gehen zu können.

Möglichkeiten der Entwicklung mit Hilfe der Psychosynthese

Eine wichtige Voraussetzung für eine Entwicklung auf der spirituellen Ebene ist Offenheit für meditative Praktiken. Das beginnt mit Meditation als Übung des Gewahrseins, um bewusster in der Gegenwart sein zu können. Wer diese Orientierungshilfen und Möglichkeiten der Psychosynthese näher kennenlernen möchte, kann dies auf verschiedene Weise tun. Er kann z.B. Bücher darüber lesen, einen Workshop besuchen oder sich von einem Psychosynthese-Therapeuten begleiten zu lassen.
Alles dies würde aber nur bedingt helfen. Die wichtigste Voraussetzung in diesem Prozess ist die Entschlossenheit, das zu verändern, was nach Veränderung drängt, und das zu verwirklichen, was nach Verwirklichung ruft. Wer hierzu bereit ist, erlangt mehr Klarheit für den eigenen Lebensweg und empfängt Botschaften aus dieser inneren Stille. Es ist der Beginn einer neuen Lebensweise, basierend auf einem "Selbst"-Bewusstsein, das über das persönliche "Ich" hinausgeht und in der immer mehr die Sehnsucht nach Einheit, nach Transzendenz, nach Liebe und Geborgenheit erfüllt werden.


Workshops

Das ZENtrum für Psychosynthese bietet 'Workshops' an

Mehr Informationen dazu:

Weiterführende Literatur zur Psychosynthese:

* Roberto Assagioli Psychosynthese Handbuch der Methoden und Techniken (rororo transformation) 1993, Frankfurt a. M.

* Ferrucci, Piero: Werde was du bist (rorro transformation) 1986, Frankfurt a. M.