ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
☰ MENÜ

"Wie können wir leben ? "
Gedanken und Zitate zum Buch von Michael von Brück-

Anlage zum "ZENtrum Aktuell 5-6/2006"

Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell" Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums eng verbunden sind. Anliegen dieses Briefes ist es; das Buch "Wie können wir leben?" von Michael von Brück vorzustellen.

Michael von Brück

(*1949 in Dresden) ist Professor für Religionswissenschaft an der Evangelisch - Theologischen Fakultät in München. Ausbildungen als Yoga- und Zen-Lehrer erhielt er in Indien und Japan.
Seit vielen Jahren ist er Gesprächspartner des Dalai Lama. Zahlreiche Bücher verfasste er über den Buddhismus und dessen Verhältnis zum Christentum. Er war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Dialog der Religionen".

Einleitung zum Buch "Wie können wir leben"

(Auszüge)

"Die Debatten um die Krise der Zivilisation reißen nicht ab. Insbesondere das nach wie vor wenig kontrollierte Bevölkerungswachstum, die zunehmende Kluft zwischen Armen und Reichen sowie Arbeitssuchenden und Arbeitenden, das (vorläufige) Scheitern der Klima Konferenz von Kyoto und der weltweite Terrorismus machen Angst. Die Verarmung Afrikas, Lateinamerikas und einiger Teile Asiens erweist sich zunehmend als Problem auch für Europa und Amerika. Genetik, Bio- und Medizintechnologien, Nanotechnologie und der rasante Ausbau der Informationssysteme führen jedem Menschen die Unvorhersagbarkeit der Zukunft vor Augen. Eine neue Nachdenklichkeit hat eingesetzt : Wie können wir leben?
Dass diese Frage auch im individuellen Lebensbereich aktuell ist, zeigen die Debatten um Sinnkrise, Werteverlust, Stressgesellschaft usw. Menschen fühlen sich zunehmend weniger frei in bezug auf die Gestaltung ihres eigenen Lebens, sondern eingeengt von "Sachzwängen" und Reizüberflutungen, denen sie sich nicht entziehen zu können glauben. Individualisierung hat auch zur Vereinsamung geführt, und die Fülle von therapeutischen Angeboten angesichts dieser Entwicklung ist kaum noch überschaubar.
"Man" sucht nach Orientierung, Heilung, Sinn. Der Ratgeber-Literatur findet reißenden Absatz, und auch die Suche nach religiösen Alternativen und Spiritualität verstärkt sich, obwohl die öffentliche Wirkung der institutionalisierten Religionen (Kirchen) in Europa eher abzunehmen scheint."
"Wie können wir leben?" Es geht hier nicht um Imperative, wie wir leben müssen , sondern um das Ausloten von Möglichkeiten kreativer Lebensgestaltung, also darum, wie wir leben können. Ich werde zeigen, dass dies wesentlich davon abhängt, wie wir leben wollen."

In dieser Einleitung definiert Michael von Brück auch sein Verständnis von Spiritualität:
"Unter Spiritualität verstehe ich den bewussten Umgang mit dem eigenen Bewusstsein, d.h. vor allem die Schulung von Wahrnehmung und die Entwicklung von Achtsamkeit in allen Lebensbezügen."

Inhalte der einzelnen Kapitel

Warum müssen wir leiden?

Michael von Brück geht diesen Fragen mit dem Aufzeigen verschiedener Ebenen an, den Antworten der Religionen (Hinduismus, Buddhismus und Christentum) sowie einer Beschreibung des modernen Leidens an Leere und Sinnlosigkeit.

Aus diesem Kapitel einige Auszüge:

"Mit dem Leiden umgehen lernen setzt die Gegenwart anderer Menschen voraus. Denn nur in Gemeinschaft, in Beziehungen, die über das Kreisen in sich selbst hinausführen, kann das Ausgesetztsein einen Halt finden, aufgehoben und angenommen werden. Warum? Weil das Leiden gerade darin wurzelt und sich ständig neu generiert, dass Menschen aus Unwissenheit eine Identität suchen, die den Wandel, das Vergehen und den Tod ignoriert. So entsteht ein metaphysischer Riss zwischen dem Guten und dem Vergänglichen."

Er führt hier drei Dimensionen des Leidens an:
"Erstens das Leiden, dass sich aus der Realität der Welt ergibt, so wie sie ist.
Zweitens das Leiden, das sich aus menschlichen Beziehungen ergibt.
Drittens das Leiden aus Vereinsamung und Überdruss, das mit der zweiten eng zusammenhängt. "

Was dürfen wir hoffen?

Nach einer grundsätzlichen Betrachtung der Hoffnung als Phänomen, geht er auf den Gestaltwandel der Hoffnung in den Religionen ein, zeigt Bilder der Hoffnung in den Religionen auf und fragt dann schließlich wieder Was dürfen wir hoffen?

Hier wieder einige Auszüge:

"Hoffnung ist mehr als psychische Selbststimulation oder sogenanntes "positives Denken", denn sonst bleibt sie im Zirkel unserer Bedürftigkeiten und Projektionen stecken und wäre schnell als Selbsttäuschung entlarvt und damit unwirksam.
Hoffnung ist viel mehr ein Sich-Öffnen für die heilenden und positiv gestalterischen Kräfte, die auf uns zukommen und überall gegenwärtig sind."

"Gebet und Meditation sind Inbegriff der wachgehaltenen Sehnsucht im Menschen, die vermutlich jeden Menschen bewegt, wenngleich sie zugeschüttet und verdrängt werden kann. Diese Sehnsucht äußert sich in dreifacher Weise, nämlich:

  • als Sehnsucht nach einer Erfahrung von Trost und Geborgenheit
  • als Sehnsucht nach einem erfüllten guten Leben
  • als Sehnsucht nach einer Verwandlung.

- Was sollen wir tun?

Hier gleich der erste Satz als Einführung in dieses Kapitel:
"Was sollen wir tun? Den Aufbruch ins Jetzt wagen. Das heißt, vernunftgemäß leben. Aber was ist Vernunft und was heißt leben? Wie können wir vernunftgemäß leben?
Weiter: Was bedeutet das "sollen" in dieser Frage? Wer spricht diesen Imperativ?
Das Gewissen in uns? Die Angst vor der Zukunft, die ungewiss ist? Oder eine andere Instanz (Gott), der wir Autorität zubilligen. Ist dieses "sollen" nur ein Relikt der Überlieferung vergangener Zeiten, die zu wissen meinten, was dem Menschen aufgetragen ist? Wie wäre dann die Frage neu zu stellen. Vielleicht: Was dürfen wir tun? Oder was können wir tun?"
Später spricht Michael von Brück von einer "bewussten Ausbildung der Fähigkeit zur Freiheit" . Diese beginnt mit vorurteilsfreier und genauer Wahrnehmung der Welt.
Und erst diese veränderte Wahrnehmung ist es, die Grundlagen für eine universale Ethik schaffen kann.
Die Wahrnehmungsänderung kommt zustande durch drei Faktoren:

  • durch Meditation, d.h. Schulung und Konzentration des Bewusstseins,
  • durch Vernunft, die die Vernetzung aller Lebensprozesse erkennt
  • durch Synergie der interdisziplinären Kommunikationen

Im einzelnen geht Michael von Brück dann auf Definitionen von Wahrnehmung, Wirklichkeit und Bewusstsein ein.
Er geht davon aus, dass es der gezielten Analyse und Schulung des Bewusstseins bedarf, um Eigen-Verantwortlichkeit, d.h. bewusste Wahrnehmung und ihre reaktive Verarbeitung, zurückzugewinnen. Erst dann kann die Frage "Was sollen wir tun? Kritisch und präzise gestellt werden.
Dies wird näher erklärt durch eine andere Aussage:
"Von der Achtsamkeit und Genauigkeit, d.h. von der Konzentration des Bewusstseins auf den gegenwärtigen Augenblick, hängt die ungetrübte und klare Aktion und Reaktion des Bewusstseins ab. Wir können nicht angemessen handeln, wenn das Maß von vornherein nicht stimmt und alles nur durch den Spiegel unserer maßlosen Wünsche oder Ängste erscheint."

Für mich ist diese Aussage eine der wichtigsten in diesem Buch. So sehe ich dies auch als die wichtigste Antwort auf die Frage "Was sollen (können) wir tun? "
Eben dorthin zu kommen, dass wir wieder bewusst handeln lernen, so dass unser Tun nicht mehr von unbewussten Verhaltensmustern und verinnerlichten anerzogenen Programmen bestimmt wird.

Zum Abschluss Auszüge aus einem Kommentar auf der Rückseite des Buch-Umschlages:

"Undogmatisch und in nachdenklich-verbindlichem Ton beschreibt der renommierte Religionswissenschaftler und Zen-Lehrer Michael von Brück Wege, wie es uns gelingen kann, erstarrte Denk- und Erfahrungsmuster aufzubrechen, um ein angstfreies, den jeweils anderen achtendes Leben führen zu können."
"Ein ebenso persönliches wie inspirierendes Buch, das erkennen lässt, wie Religion und Spiritualität helfen, sich vom Diktat vermeintlicher Sachzwänge und gesellschaftlicher Vorgaben zu befreien, in einer haltlosen Welt selbstbestimmt und erfüllt leben zu können."

Buch:

Michael von Brück
WIE KÖNNEN WIR LEBEN?
C.H. Beck Verlag ISBN 3406493343

Weblinks