ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Anlage zum "ZENtrum Aktuell 5/6 2020

Leben ist ein Geheimnis

"Das Leben ist kein Problem, das gelöst, sondern ein Geheimnis, das gelebt werden muss.“
Thomas Merton

Der Autor dieses Zitates, ein Trappisten-Mönch, gilt als einer der bedeutendsten christlichen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er war in besonderer Weise mit der Praxis des Zen vertraut. Eines seiner Bücher lautete „Mystik und Zen-Meister“. Ein anderes Zitat von ihm ist „Mein höchstes Ziel ist das zu leben, was ich bereits bin“.

Einführung

Wir sind gewohnt, von einem Leben zu sprechen, das wir haben und daher verlieren können. Das bedeutet, mit der Angst vor dem Ende unserer Existenz auf dieser Erde, dem Tod, zu leben. Fast alle anderen Ängste basieren auf dieser Angst, einmal nicht mehr zu sein. Man nennt sie auch die „Angst vor der Leere“. Wer aber soll das sein, der dieses Leben hat? Unser Körper? - Merkwürdigerweise sprechen wir in der Umgangssprache immer von einem Körper, den wir haben. Wieder die Frage, wer das denn ist, der diesen Körper hat. Wir wissen es nicht. Es ist ein Geheimnis. Wie kann man aber ein Geheimnis leben, ohne es zu kennen?
Shakespeare nennt die Erde, auf die wir unsere Lebenszeit verbringen, eine Bühne. Während dieser Zeit spielen wir sehr viele unterschiedliche Rollen. Der Schauspieler weiß, dass er sich während seines Auftritts so gut wie möglich mit dieser Rolle identifizieren muss, um ein guter Schauspieler zu sein. Er weiß aber, dass er nicht diese Rolle ist. - Ein Zen-Meister hat einmal einen Schauspieler nach seinem Auftritt gefragt, ob er sich bewusst ist, dass er auch weiterhin als normaler Mensch Rollen spielt. Die Reaktion war Unverständnis. Das, was er vorher wusste, dass er nicht diese Rollen ist, konnte er nicht auf die Rollen beziehen, die er im täglichen Leben spielt. Der erste Schritt auf dem Weg, sich diesem Geheimnis zu nähern ist, sich von der Illusion eines Bildes zu trennen, dass man seit seiner Kindheit von sich entwickelt hat und das man meint zu sein. Die zahlreichen „Du bist dies!“ oder „Du bist das!“ haben dieses Bild gebildet. Und dieses Bild meint man zu sein. Man lebt als ein „eingebildeter“ Mensch, aber nicht als das, was man in seiner wahren Natur wirklich ist. Der nächste Schritt ist, sich diesem Geheimnis unserer wahren Natur zu nähern.
Dabei kann uns ein Weisheitslehrer helfen, der bereits vor 2500 Jahren gelebt hat uns mit seinem Buch 'Tao Te King' Wege aufzeigt, um zu dieses Geheimnis zu ergründen. Sein Name ist Lao-Tse.

Tao Te King

Zen-Meister Zensho W. Kopp beschreibt in seiner Einleitung zu seinem von ihm übersetzten Buch die Essenz des Tao Te King mit folgenden Worten:

„Das Tao Te King ist eines der bedeutendsten und meistübersetzten Bücher der Weltliteratur. Die Worte des chinesischen Weisen Lao-Tse (600 v.Chr.) zählen zu den unversiegbaren Quellen ewiger Weisheit. In einer Sprache von unvergleichlicher Bildkraft kündet er in seinem Tao Te King vom Tao, dem göttlichen Urgrund allen Seins, und dessen Wirkkraft im Menschen als wahre Tugend. In leuchtend klaren Aphorismen, gleich vollendet geschliffener Edelsteine, zeigt das Werk die tiefe Verbundenheit des Menschen mit dem Kosmos auf. Es möchte ihn zurückführen zu ursprünglichen Einheit mit dem Tao, und somit zur wesensgleichen Harmonie mit der allumfassenden Ganzheit des Seins.“

Vor allem der letzte Satz dieser Beschreibung, die Absicht von Laotse, den Menschen zurückzuführen zur ursprünglichen Einheit, seiner wahren Natur, die er Tao nennt, und somit zur wesensgleichen Harmonie mit der allumfassenden Ganzheit des Seins, macht deutlich, dass es hier genau um dieses Geheimnis des Lebens geht. Diese Zurückführung zur ursprünglichen Einheit ist die tiefere Bedeutung des Wortes „Religion“, das vom lateinischen Wort religare, zurückverbinden, hergeleitet wird.

Das Buch hat insgesamt 81 Verse. Jeder Vers zeigt auf, wie wir mit unserer wahren Natur, die Laotse Tao nennt, wieder eins sein können. Zu Beginn des ersten Kapitels wird bereits vermittelt, dass dieses Geheimnis mit begrifflichen Aspekten nicht erfasst und definiert werden kann:

Das aussagbare Tao ist nicht das ewige Tao. Der nennbare Name ist nicht der ewige Name.
Das Tao ist beides, das Benennbare und das Unbennenbare. Das Unbenennbare ist der Ursprung aller Dinge. Das Benennbare ist die Mutter der tausend Dinge und ihrer Manifestationen.

Laotse sagt, dass das Tao beides ist: Etwas, was einen Namen hat und Etwas, was namenlos ist. Das ewige Tao kann man nicht benennen. Es ist es mit dem Verstand nicht erfassbar. Das Tao ist der Urgrund von Allem, eine unsichtbare Quelle, aus der alles entspringt. Das Geheimnis!

Es ist aber auch „die Mutter der tausend Dinge und ihrer Manifestationen, die man benennen kann.“ Diese Formen können wir benennen und sind mit unserem Verstand zu begreifen, weil der Verstand selbst in einer Form im Gehirn existiert.

Wir identifizieren uns mit diesen Formen, meinen sie zu sein. Eckhart Tolle nennt sie daher Form-Identitäten. Alle diese Formen, sind vergänglich. Sie brauchen die Zeit, um existieren zu können. Deshalb haben sie einen Anfang und ein Ende, eine Geburt und einen Tod. Wer sich mit dieser vergänglichen Form, dem Körper identifiziert, der weiß, dass es ein Ende für ihn gibt, welches er Tod nennt.

Das Unbenennbare, das Namenlose, ist das Geheimnis. Es ist das das Leben selbst, das reine Sein. Jeder Begriff, den man für dieses Geheimnis wählt, kann nur „ein Finger sein, der zum Mond zeigt“ aber nicht der Mond selbst ist. Die „Finger“ sind die Worte, Begriffe, die wir schaffen, um etwas erklären zu können. Der „Mond“ ist die Wahrheit, die man nur erfahren kann. So ist das Wort Baum nicht der wirkliche Baum.

Laotse hat den Begriff Tao für dieses Geheimnis gewählt. Die Mystiker aller Religionen, nennen dieses Geheimnis auch „Gott“. Andere möglichen Begriffe sind u.a.: „Essenz“, „Geist“,“ Urgrund“, oder „Seele“. Es können auch andere „Finger“ sein, die auf den gleichen „Mond“ zeigen. Der „Mond“ ist das das Geheimnis hinter dem Begriff Tao. Es ist das Unbennenbare, das Geheimnis, dass nicht „verstanden“ sondern nur „erfahren“ werden kann.

Der nächste Vers lautet:

Beständiges Nichtbegehren schaut das Geheimste. Beständiges Begehren schaut nur die Manifestation der Formen. Und das Geheimnis selbst ist die Pforte zu allem Verstehen.

„Beständiges Nichtbegehren, das das Geheimste schaut“ ist geprägt vom reinen Sein. In diesem Zustand gibt es keine Gedanken mit Wünschen, Erwartungen, Beurteilungen, Bewertungen und Differenzierungen. Es ist die reine Erfahrung von dem, was gegenwärtig wahrgenommen wird. Nur wenn die Gedanken zur Ruhe gekommen sind, in der Stille, ist ein Zugang zu diesem Geheimnis möglich ist. Man kommt in Kontakt mit einem Bewusstsein, das über unser personales und rationales Bewusstsein hinausgeht. Es ist transpersonal und transrational. Es ist die Quelle in uns, aus der wir Intuition, Inspiration und Kreativität erfahren, das Tao.

Beständiges Begehren ist das Gegenteil. Es ist geprägt vom Haben (-wollen), und schafft einen Widerstand zu dem, was wirklich ist. Man will es nicht wahr-haben. Es müsste anders sein als es ist. Dieser Widerstand ist die Ursache für die meisten Probleme und Konflikte und bewirkt Unzufriedenheit sowohl mit der äußeren Welt als auch mit seiner inneren Welt. Man wünscht sich sowohl die äußere Welt anders als auch die innere Welt, sich selbst, anders als man ist. Man lebt in einer ständigen Bewertung, das mag ich und das mag ich nicht, obwohl sich dadurch nichts ändert. Man ist enttäuscht und frustriert, weil Erwartungen und Wünsche nicht erfüllt werden.

Das alles spielt sich in dem vom Unbewussten geprägten Strom ständiger Gedanken ab, die die Gemütslage bestimmen. Ängste werden durch die Macht des Unbewussten und den von ihm produzierten Gedanken zu ständigen Begleitern. Sie sind die Ursachen für die vielen Probleme, die man selbst schafft. Vor Stille und dem damit notwendige Allein(s)sein flüchtet man, weil man beides meistens nicht ertragen kann. Das sind die Menschen, die das Leben als etwas betrachten, in dem man ständig irgendwelche Probleme zu lösen hat, die man jedoch überwiegend selbst kreiert.

Der Zugang zum Unbenennbaren, zum Geheimnis des Tao, ist nur durch diesen Zustand des Nichtbegehrens, d.h. die totale Akzeptanz dessen was ist, möglich, die den Raum zur Stille ins uns öffnet. In dieser Stille öffnet sich die Pforte, die zu allem Verstehen führt.“ - Man kommt mit der Weisheit des Tao in Kontakt. Auch den Problemen, die tatsächlich existieren und man als Herausforderungen betrachtet, um sich weiter zu entwickeln, kann man aus diesem Kontakt intuitiv und kreativ begegnen, indem man sie zunächst einmal so annimmt wie sie sind und keine Probleme daraus macht.

Diese Weisheiten lassen sich bereits vom ersten Vers ableiten. Es gibt noch 80 weitere Verse, die helfen, das Geheimnis unserer Wahren Natur zu ergründen und aus ihr zu leben.

Es ist schwierig, diese Weiseiten des Tao Te King mit dem Verstand zu erfassen, weil er als Instrument des Egos, Identifikationen braucht, um existieren zu können. Ein „Verstehen“ ist möglich, wenn man die Worte einfach nur wahrnimmt, sie wirken lässt und dann spürt, welche Resonanz sie hervorrufen. Diese Resonanz kann Gefühle von Freude auslösen. Mir scheint es häufig so, dass durch das Lesen bzw. Hören dieser Verse etwas in mir beleuchtet wird, was ich als meine innere Wahrheit bezeichne, die schon immer da war, jetzt aber erhellt und damit bewusst werden kann. Auch diese Erfahrung lässt sich nicht beschreiben.

Es gibt viele Übersetzungen, die mehr eine intuitive Interpretation sind als eine wörtliche Übersetzung. Daher sind es Menschen mit mystischen Erfahrungen, überwiegend auch mit Zen vertraut, die sie aus ihrer intuitiven Wahrnehmung übersetzt haben.

Im Anhang empfehle ich Bücher, die sowohl Übersetzungen als auch Kommentare der Verfasser haben. Zusätzlich findet man hier Links zu früheren Empfehlungen von Büchern mit den Themen von Transformation und Mystik.

Literatur zu 'Tao-Te-King'