ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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'Inneres Kind' und 'Innerer Erwachsener'
Vom 'Kind-Erwachsenen' zum 'Erwachsenen-Erwachsenen'

Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell", Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums wie auch mit denen meines Buches „Das Leben leben“ eng verbunden sind. Diese Anlage bezieht sich auf das Thema 'Inneres Kind' mit zusätzlichem Schwerpunkt 'Innerer Erwachsener'


Einleitung

Um sich als Mensch zu entwickeln, muss man erst einmal wirklich erwachsen sein. Sehr häufig habe ich nach einem Workshop 'Inneres Kind' Teilnehmer(innen) sagen hören, dass sie erkannt haben, dass ihr wirkliches Problem nicht ihr 'Inneres Kind' ist, sondern dass es der 'Innere Erwachsene' ist - der kaum vorhanden ist. Ist man überwiegend mit dem 'Inneren Kind' identifiziert ist, weiß man gar nicht, dass es auch diesen 'Inneren Erwachsenen' geben kann. Was es bedeutet, sein Leben aus dem Bewusstsein eines wirklich erwachsenen Menschen zu leben, wird im Folgenden verdeutlicht.

Der Weg zum 'Inneren Erwachsenen'

Der 'Innere Erwachsene' ist in der Lage, die Verantwortung für sein Glück und seine Zufriedenheit im Leben selbst zu übernehmen. Das macht ihn unabhängig vom Wohlwollen anderer. Der Weg dorthin ist nicht leicht, weil häufig Grundbedürfnisse nach Bestätigung, Liebe und Anerkennung in der Kindheit nicht erfüllt wurden. Diese unerfüllten Bedürfnisse wurden dann zu einer Bedürftigkeit beim Erwachsenen, weil diese nicht erfüllten Bedürfnisse von anderen Menschen erfüllt werden sollen.

Dies führt meistens jedoch zu ständigen Enttäuschungen, weil auch jetzt diese Bedürfnisse auf die Dauer nicht erfüllt werden. Wenn dann wieder eine Beziehung aus diesem Grunde zu Ende geht, dann hören diese Menschen häufig "Du solltest dich etwas mehr um dein 'Inneres Kind' kümmern", was nichts anderes heißt als endlich selbst die Verantwortung für das Glück in seinem Leben zu übernehmen. Anders ausgedrückt, sich selbst das zu geben, was man sich von anderen wünscht oder von ihnen erwartet. Seinem 'Inneren Kind' dies jetzt als Erwachsener selbst zu geben, macht es etwas leichter, weil man dadurch ein Gegenüber schafft, eben das immer noch existierende Innere Kind in uns. Man kann zu diesem Inneren Kind wie zu seinen wirklichen Kindern eine Beziehung aufbauen, die von Mitgefühl und Liebe geprägt ist. Dann wird auch der Glaubenssatz überwunden, dass man egoistisch ist, wenn man sich selbst etwas Gutes tut.

Dazu ist es aber erforderlich, dass es einen solchen 'Inneren Erwachsenen' auch wirklich gibt, der diese Verantwortung für das Wohlergehen seines 'Inneren Kind' übernehmen kann. Wenn er nicht oder nur unzureichend vorhanden ist, muss er entwickelt werden. Und das heißt, sich also zu einem Erwachsenen zu entwickeln, der unabhängig und damit innerlich frei ist. Der erste Schritt auf diesem Weg ist, sich bewusst zu werden, wann man mit seinem 'Inneren Kind' identifiziert ist. Wenn das erkannt wird, kann man sich mit diesem 'Inneren Erwachsenen' identifizieren.

Wie erkennt man aber, wenn man mit diesem 'Inneren Kind' identifiziert ist?

Der 'Kind-Erwachsene'

Einen überwiegend mit seinem 'Inneren Kind' identifizieren Menschen bezeichne ich einmal als einen 'Kind-Erwachsenen'. Der 'Kind-Erwachsene' hat deshalb Schwierigkeiten, die Verantwortung für sein Leben selbst zu übernehmen, weil er Angst vor Kritik hat, wenn er Fehler macht, sich geirrt hat oder nach Meinung anderer falsche Entscheidungen getroffen oder auch einfach nicht den Erwartungen der anderen entsprochen hat.

Er hat meistens auch keinen Kontakt zu seinen eigenen Bedürfnissen hat. Er weiß nicht, was er wirklich will, was seine Wünsche sind, weil er zu sehr auf die Bedürfnisse anderer und deren Erwartungen fixiert ist. Für die Erfüllung der Erwartungen anderer empfängt er Dankbarkeit und Wohlwollen, was er nicht gefährden möchte. Das Gegenteil kann er schlecht aushalten: Ablehnung, Liebesentzug, Groll, zurückgewiesen oder verlassen zu werden, denn dies sind die Erfahrungen, die das Innere Kind sehr häufig gemacht hat, die es nicht wieder erleben möchte.

Der 'Kind-Erwachsene' ist sich auch nicht wirklich bewusst ist, dass er einen Willen hat. "Du hast nichts zu wollen", wurde dem 'Inneren Kind' in vielfacher Weise vermittelt. Die Konsequenz daraus ist, dass man glaubt, keine wirkliche Wahl zwischen Ja und Nein sagen hat. Man hat überwiegend das getan, was andere wollten und erhielt dadurch die Zuneigung und das Wohlwollen anderer.

Liebe musste man sich durch sein Verhalten verdienen. Sie war überwiegend immer mit Bedingungen verknüpft. Nur wenn man die Bedingungen erfüllte, konnte man erwarten, gemocht, geliebt zu werden. Dass man geliebt werden konnte, ohne dass man damit die Erwartungen und Bedingungen anderer erfüllte, war nicht vorstellbar. So hat man nie oder nur selten erfahren, dass man geliebt werden konnte, ohne dafür Bedingungen erfüllen zu müssen.

Der 'Erwachsene-Erwachsene'

Um einen 'Inneren Erwachsenen' zu entwickeln, der dann die Verantwortung für die Bedürfnisse des Inneres Kind übernehmen kann, muss man wissen, was den Erwachsenen vom Kind unterscheidet, was einen wirklichen Erwachsenen ausmacht, welche Kriterien und Qualitäten dazu gehören. Im Folgenden diese Kriterien.

Verantwortung

Die Verantwortung für sein Handeln übernehmen zu können, ist das wesentlichste Kriterium, das einen Erwachsenen vom Kind unterscheidet. Im Englischen heißt Verantwortung „Responsibility“. Das bedeutet die Fähigkeit, eine Antwort geben zu können. Zu dieser Fähigkeit muss man sich allmählich entwickeln.

Der Begriff Verantwortung ist nicht sehr beliebt, denn er geht einher mit der Sorge, dass dann man kritisiert wird, wenn man sich falsch entschieden hat. Diese Kritik wird auch mit Liebesentzug wahrgenommen, Das war die Erfahrung des Kindes. Verantwortung zu übernehmen, setzt daher voraus, dass man sich gestattet, Fehler machen zu dürfen. Dies ist ein Teil eines Lernprozesses. Man lernt, wenn die Entscheidung oder das Verhalten nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hat, sich dann beim nächsten Mal anders zu verhalten. Dies kann dazu führen, dass man nicht nur Kritik aushalten, sondern, wenn sie konstruktiv und nicht verletzend ist, als etwas Positives annehmen kann. Wenn Kritik verletzen will, braucht man sie erst gar nicht wahrzunehmen.

Verantwortung kann man nur dann übernehmen, wenn man sich bewusst ist, was man sagt und was man tut. Das Gegenteil ist, aus seinen Konditionierungen zu handeln und unbewusst zu reagieren. „Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ ein Ausspruch von Jesus, der das deutlich macht.

Unabhängigkeit

Das zweite wichtige Kriterium, was den Erwachsenen vom Kind unterscheidet, ist Unabhängigkeit. Als Kind ist man abhängig von der Fürsorge anderer, um überleben zu können. Es gibt da zwei Arten von Unabhängigkeiten; einmal die materielle Unabhängigkeit und dann die emotionale Unabhängigkeit. Nur wer sich von diesen Abhängigkeiten befreit, qualifiziert sich zu einem wirklichen Erwachsenen.

Ich höre oft die Frage, ob das überhaupt möglich ist, emotional unabhängig zu sein. Um diese Frage zu beantworten, muss man etwas Wesentliches unterscheiden. Jeder Mensch hat Bedürfnisse nach Liebe, Zuneigung und Anerkennung. Dies ist völlig in Ordnung. Wenn sie erfüllt werden, freut man sich, wenn nicht, lernt man, dies auch zu akzeptieren. Etwas anderes ist die Bedürftigkeit. Man braucht etwas, damit es einem gut geht. Dies Brauchen aber hat Suchtcharakter. Wenn man das Bedürfnis nach einem Bier oder nach einem Glas Wein hat, ist das in Ordnung. Wenn man Alkohol aber braucht, damit es einem gut geht, ist man eben Alkoholiker, also ein Süchtiger. Diese Bedürftigkeit nach Bestätigung, Liebe und Anerkennung aber ist eine Sucht, weil es einem schlecht geht, wenn einem dies, vor allem von einem nahestehenden Menschen, verweigert wird. Wie schon zuvor erwähnt, werden solche Beziehungen durch die hohen Ansprüche eines Partners gefährdet und dauern häufig nicht sehr lange. Man spricht hier auch vom Klammern an einem Menschen.

"Liebe ist ein Kind von Freiheit" lautet der Titel des Neurologen und Hirnforschers Gerald Hüther. Er macht in diesem Buch deutlich, dass Liebe aus Bedürftigkeit, die mit Abhängigkeit verbunden ist, nicht wirklich Liebe ist. Liebe wird dann zu einem Tauschgeschäft. Du gibst mir, was ich brauche und ich gebe dir, was du brauchst. Wenn das nicht geschieht, ist man sauer. Das aber ist keine Liebe. Nur wer innerlich frei ist, kann bedingungslos lieben. Das ist Fazit, das auch im Titel dieses Buches und natürlich auch in seinem Inhalt zum Ausdruck kommt.

Nur wenn das der Fall ist, ist man wirklich liebesfähig. Und dies ist daher ein weiteres Kriterium für einen wirklichen Erwachsenen, die Liebesfähigkeit, die nicht mehr weiter erklärt werden muss. Sie ist eng verbunden mit dem nächsten Kriterium.

Gut entwickelter Wille

Was ist ein gut entwickelter Wille? Ein gut entwickelter Wille ist mehr als ein starker Wille. Roberto Assagioli, der Begründer des psychospirituellen Modells der Psychosynthese, hat für einen gut entwickelten Willen drei Dimensionen vorausgesetzt:

  • Ein starker (strong) Wille, der Energie und Kraft benötigt, die benötigt wird, um ein Vorhaben umzusetzen.
  • Ein geschickter (skillful) Wille, der für die Planung eines Vorhabens wichtig ist. Dafür sind der Verstand, Erfahrungen und Kenntnisse notwendig, um sinnvoll einen Weg zu einem bestimmten Ziel zu planen.
  • Ein guter (good) Wille, der eine bestimmte Grundhaltung eines Menschen voraussetzt, und das ist eine Bewusstseinshaltung von Verbundenheit. Diese Verbundenheit gilt sowohl im Bezug zu sich selbst, zur Umwelt, zu Menschen, und zur Kreatur und Natur. Diese Bewusstseinshaltung der Verbundenheit überwindet ein auf Egozentrik basierendes Bewusstsein, dass nur die eigenen Bedürfnisse erfüllen will und alles andere zu Objekten mach, die man für seine Ziele nutzen kann. Damit gehen Lieblosigkeit, Rücksichtslosigkeit und Manipulation einher.

In unserer Kultur wird Wille überwiegend mit Stärke und Kraft in Verbindung gebracht. Daher hat er einen überwiegend schlechten Ruf. Der Willensstarke kann mit dem Kopf durch die Wand gehen. Assagioli hat mit diesen drei Dimensionen als Bestandteile eines gut entwickelten Willens aus dem Schatten des Egobewusstseins mit dem Missbrauch eines kraftvollen Willens eine neue Definition geschaffen. Für die Entwicklung zu einer starken Persönlichkeit, einem Menschen, die Herausforderungen des Lebens zu meistern hat, hat Assagioli einen solchen Willen für unbedingt erforderlich gehalten. Er setzt aber die zuvor beschriebene Liebesfähigkeit voraus und damit die Überwindung des Egoismus.

Der 'Innere Erwachsene' und das 'Innere Kind'

Wenn man einen 'Inneren Erwachsenen' auf der Grundlage dieser wesentlichen Kriterien, die einen Erwachsenen ausmachen, entwickelt, hat man ein Gegenüber für das 'Innere Kind' geschaffen, das nun jemanden hat, dessen unerfüllte Bedürfnisse (in der Kindheit) erfüllen werden können. Wenn diese Bedürfnisse zusätzlich auch von anderen Menschen, von einem liebevollen Partner erfüllt werden, so ist das etwas sehr Schönes. Man kann dies noch mehr genießen, wenn man sich an ihnen ohne Verlustangst erfreuen kann. Es kann eine Beziehung von zwei innerlich freien Menschen sein, die sich Liebe geben können, ohne das damit Bedingungen erfüllt werden müssen.

Dieser Prozess, eine Beziehung zu seinen 'Inneren Kind' aufzubauen braucht Zeit. Voraussetzung ist, dass man diesem Kind mit sehr viel Mitgefühl und Verständnis begegnet. Das kann vor allem dadurch geschehen, dass man sich die Zeit nimmt, immer wieder "ins Gespräch" mit diesem Inneren Kind zu kommen, mit ihm einen Dialog zu führen, ihm Fragen zu stellen und zuzuhören, wenn es antwortet. Am Ende eines Workshops "Inneres Kind" führt jede(r) Teilnehmer(in) diesen Dialog. Zuvor versucht man sich ein Bild des Kindes, das man einmal war, vorzustellen, um dann in Kontakt mit ihm zu kommen.
Bei diesem Dialog fließen oft Tränen, weil diese Begegnung sehr berührend und bewegend sein kann. Für diese Praxis kann es sehr hilfreich, wenn man ein reales Bild von dem Kind, das man einmal war, in sich hat. Wenn das schwierig ist, kann auch ein Foto des Kindes helfen, das man in seinem Umfeld aufstellt.

Eine Mutter sagte mir einmal nach einem Workshop "Ich fahre jetzt mit drei Kindern nach Hause, denn mein Inneres Kind gesellt sich nun zu meinen beiden eigenen Kindern."
Wenn man tatsächlich dieses Innere Kind wie ein leibliches Kind annehmen und lieben kann, dann kann sich sehr viel im Leben verändern. Dieses Innere Kind bekommt jetzt das, nach dem es sich immer gesehnt hat: Bestätigung, Liebe und Anerkennung. Es wird wahrgenommen und seine Wünsche und Bedürfnisse werden so weit wie möglich erfüllt. Die Entwicklung einer solchen Beziehung führt zur Unabhängigkeit von anderen, denn das, was man sich von anderen immer gewünscht habe, kann man sich jetzt selbst geben.

Die Beziehungen in einer Partnerschaft verändern sich durch diese Unabhängig sehr entscheidend. Man begegnet dem anderen nicht mehr aus dieser Bedürftigkeit und hat dadurch, wenn überhaupt noch, weniger Verlustängste. Man kann auch ertragen, wenn der, die Andere nicht immer freudig zu allem zustimmt, was man für sich entschieden hat zu tun. Man klagt nicht mehr an, sondern spricht über seine Gefühle, die sich durch das Verhalten des anderen einstellen. In einer solchen Beziehung lernt man auch, die Verwundbarkeit des Inneren Kindes beim Gegenüber wahrzunehmen, was wiederum zu mehr Nähe und Mitgefühl in einer Beziehung führen kann.

Fazit: Das 'Innere Kind' braucht einen 'Inneren Erwachsenen', der wirklich erwachsen ist, dem es vertrauen kann, weil er die Verantwortung für sein Wohlergehen übernimmt und es auch vor Verletzungen anderer schützt. Es erfährt dann das, wonach es sich immer gesehnt hat, wahrgenommen und bedingungslos geliebt zu werden.

Mehr zu Arbeit mit dem 'Inneren Kind':


Dieses Thema 'Endlich erwachsen werden' wird im ersten Teil des von mir geschriebenen Buches 'Das Leben leben!' ausführlich behandelt.