ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Was wir sind und was wir sein könnten
Ein neuro-biologischer Mutmacher

Anlage zum "ZENtrum Aktuell" 7/8 2016

Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell", Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums wie auch mit denen meines Buches "Das Leben leben" eng verbunden sind. Diese Anlage stellt das Buch "Was wir sind und was wir sein könnten" von Gerald Hüther vor.

Gerald Hüther

Gerald Hüther ist Neurobiologe, Professor und Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventivforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen sowie Präsident der Sinn-Stiftung. Er ist Autor zahlreicher Bestseller wie "Biologie der Angst", "Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn" und vielen anderen.

Einleitung

Gerald Hüther führt den Leser im Sinne der Überschrift von einer Bestandsaufnahme "Was wir sind?" zu einer Erforschung der Gründe, weshalb wir so geworden sind, wie wir sind, was wir uns alles eingeredet haben und was wir aus uns gemacht haben. Es folgt dann die Frage "Was könnte aus uns werden?", eine Vision darüber, wie wir uns als Mensch entwickeln könnten. Dabei macht er deutlich, dass unser Gehirn darauf ausgerichtet, gerade das, was unter dieser Vision beschrieben wird, zu entwickeln. "An Ihrem Gehirn liegt es jedenfalls nicht, wenn Sie auch in Zukunft glauben, so weitermachen zu müssen wie bisher." ( Ich interpretiere dieses Weitermachen als ein weiter so leben wie bisher).

Überschriften und Auszüge

Erstes Kapitel: Wer ist "Wir"?

Blut ist nicht dicker als Tinte – Not schweißt zusammen – Angst wirkt noch stärker als Not – Verbundenheit entsteht jenseits von Angst und Not – Hinterm Horizont geht’s weiter.

Zweites Kapitel: "Was sind wir?"

Wir sind keine Tiere – Wir haben ein besonderes Gehirn – Wir machen besondere Erfahrungen – Wir haben besondere Bedürfnisse – Wir leben in besonderen Gemeinschaften.

Drittes Kapitel: "Wie sind wir so geworden, wie wir sind?"

Der Preis des Dazugehören Wollens – Die Mechanismen der Anpassung – Die Anpassungsfalle.

Viertes Kapitel: "Was haben wir uns alles so eingeredet"

Themen dieses Kapitels sind: Wir konstruieren unsere eigene Wirklichkeit – Unsere Vorstellungen sind wie Ketten – Unsere Erfahrungen bestimmen unsere Bewertungen – Irren ist menschlich – Wir sind keine Maschinen – Wir sind keine Wettkämpfer – Das Ende der Ideologien.

Fünftes Kapitel: "Was haben wir aus uns gemacht?"

Themen: Begeisterung ist Dünger für das Gehirn – Wofür wir uns aus uns selbst heraus begeistern – Von wem wir uns begeistern lassen – Fragwürdige Vorbilder – Bedauernswerte Eselstreiber - Clevere Rattenfänger – Wie wir unsere Begeisterungsfähigkeit verlieren.

Im sechsten Kapitel wird eine Vision aufgezeigt: "Was könnte aus uns werden?"

Themen:
Statt Mauern und Gräben könnten wir auch Brücken bauen - Statt uns vom Leben formen zu lassen, könnten wir auch zu Gestaltern unseres Lebens werden - Statt Resourcenausnutzer zu bleiben, könnten wir auch Potentialentfalter werden – Potentialentfalter im individuellen Lebenslauf – Potentialentfalter in menschlichen Gemeinschaften - Statt so weiter zu machen wie bisher, könnten wir auch versuchen, über uns hinauszuwachsen

Das Unterkapitel Statt so weiter zu machen wie bisher, könnten wir auch versuchen, über uns hinauszuwachsen" beginnt mit einem Zitat: "Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein. Unsere größte Angst ist grenzenlos mächtig zu sein. Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit ängstigt uns am meisten."
( Anmerkung: Dieses Zitat wird vom Autor Nelson Mandela zugeschrieben. Dieses Zitat stammt jedoch von Marianne Williamson aus ihrem Buch „Die Rückkehr zur Liebe“. Mandela hat dieses Zitat in seiner Antrittsrede zum Präsidenten von Südafrika im Jahre 1994 verwendet)
Hüther schreibt dazu: "Dass es immer auch ein bisschen Angst macht, wenn man alte Gewohnheiten überwinden und sich neuen Herausforderungen stellen will, kennen wir. Aber dass in uns ein Potential verborgen sein soll, dass wir bisher noch gar nicht kennen gelernt, das wir bisher nur andeutungsweise zur Entfaltung gebracht haben, passt nicht so recht in unser Selbstbild. Wieso wir Angst vor dem haben sollen, was da noch in uns steckt, lässt sich kaum verstehen."

Weitere Untertitel des sechsten Kapitels:

  • Wir könnten mutiger und zuversichtlicher sein
  • Wir könnten gelassener und kreativer sein
  • Wir könnten gesünder und zufriedener sein
  • Wir könnten freier und verbundener sein
  • Wir könnten bewusster und umsichtiger sein

Zu jedem einzelnen dieser Untertitel „Wir könnten ….“ vermittelt Gerald Hüther Anregungen, wie das möglich werden könnte.

Hier ein Beispiel:
"Damit ein Mensch in die Lage versetzt wird und den Mut findet, seine im Laufe des Lebens angeeigneten, sowohl individuell als auch kollektiv erfolgsgebahnten Ideen und Vorstellungen loszulassen, müsste er also die Gelegenheit geboten bekommen, etwas wiederzufinden, was er verloren hat: seine Fähigkeit, die Welt wieder mit den Augen des Kindes zu betrachten, das er selbst einmal war – so offen, so vorurteilsfrei und so neugierig, wie das noch immer als frühe Erfahrung in den damals herausgeformten und in inzwischen ‚abgesackten‘ und von anderen Erfahrungen überlagerten Schichten seines Gehirns verankert – und deshalb auch jederzeit wieder reaktivierbar – ist."

Zum Untertitel "Wir könnten freier und verbundener sein" ein Auszug:
"Wenn uns jemand davon überzeugen will, dass wir in Wirklichkeit doch viel freier sind, als wir glauben, so werden die meisten von uns nach Erklärungen suchen, weshalb das, zumindest in ihrem Fall, nicht zutrifft. Manche wehren sich sogar vehement gegen die Vorstellung, es könnte für sie einen größeren Handlungsspielraum geben als den, den sie schon immer genutzt haben. Offenbar verletzt der Gedanke, dass für sie mehr möglich wäre. Deshalb verteidigen sie, meist ohne es selbst zu bemerken oder sich bewusst zu machen, ihre eigene Unfreiheit, die sie doch aber so sehr beklagen. Schließlich müsste jeder, der frei wäre und frei entscheiden könnte, wie er handeln will, ja ganz alleine ja auch hierfür die Verantwortung übernehmen, was er mit dieser Freiheit macht, nicht für das, was er tut, sondern auch für alles, was er unterlässt. – Das ist alles nicht besonders bequem, und deshalb haben es die Menschen auch vorgezogen, nach jemandem anderen zu suchen, dem sie die Verantwortung für all das übertragen, was sie selbst nicht frei entscheiden wollen. 'Das hat das Schicksal so vorbestimmt'. Das ist von Gott so gewollt, so hat er uns geschaffen‘, waren die häufigsten Erklärungen vor der Aufklärung. 'Das ist unser steinzeitliches Verhaltensraum' hieß es dann auf der Welle des Biologismus im vorigen Jahrhundert."


Aus dem Kapitel Was könnte aus uns werden?" dieser Untertitel mit Text:

"Wir könnten unter dem, worauf es im Leben ankommt, etwas anderes verstehen."

"Wir beginnen unser Leben mit der Erfahrung des allumfassenden Einsseins. Und wir können den Zustand des Getrenntwerdens nur deshalb empfinden, weil wir den Zustand dieses Einsseins am Anfang unseres Lebens bereits kennen gelernt haben. Nur weil ein Mensch 'weiß', wie es sein kann, ist er imstande zu empfinden, dass es nicht mehr so ist, wie es mal war, nämlich eins zu sein mit sich selbst und der Welt. Diese Grunderfahrung des Einsseins wird also zunächst im Körper und später, wenn es sich so weit entwickelt hat, auch im Gehirn verankert. Später wird sie bei jeder Erfahrung des Getrenntwerdens zwangsläufig als innere Referenz, wie es sein müsste, mit aktiviert." - So trägt also jeder Mensch zeitlebens all das weiter in sich, war er in der Welt, in der er sich zurechtzufinden versucht, nicht leben kann: das kleine Kind, das er einmal war, den weiblichen oder männlichen Anteil, den er abgespalten hat, die Ganzheit, die er in sein Denken und Fühlen, in seinen Kopf und seinen Körper zerlegt hat, die Liebe, die er einmal erfahren hat.“

"Um glücklich zu werden, müsste ein solcher Mensch die durch die negativen Erfahrungen entstandenen Verhaltensmuster und die von ihnen generierten einengenden Vorstellungen, Überzeugungen, Haltungen und Einstellungen irgendwann wieder auflösen. Das heißt, er müsste genau das loslassen, was ihn bisher gehalten hat. Beim Sterben geschieht das möglicherweise von ganz allein, weil dann, wenn die die Blutversorgung des Gehirns zusammenbricht, das Frontalhirn seine Funktionsfähigkeit verliert. Aus eigener Kraft und zu Lebzeiten schaffen es allerdings nur wenige Menschen, ihre im Frontalhirn verankerten, ihnen Halt bietenden Vorstellungen, Überzeugungen, Haltungen und Einstellungen loszulassen. Denn das macht Angst, und die ist nur durch ein anderes, gegenteiliges Gefühl zu überwinden: Durch vorbehaltlose und allumfassende Liebe. Wenn einem Menschen das gelänge, wäre er mit sich und der Welt versöhnt.“

Abschließender Kommentar zum Buch

Es ist interessant, das Gerald Hüther aus der Sicht des Neurobiologen einen Prozess beschreibt, der als Weg zu einem spirituellen Leben u.a. auch in meinem Buch "Das Leben leben" beschrieben wird: die Befreiung von allen falschen Bildern und Vorstellungen, die man von sich im Laufe seines Lebens angesammelt hat, von allem, mit dem man sich Identifiziert, um sich seiner wahren Natur bewusst zu werden. Im Zen heißt dies, wieder zum neugeborenen Kind zu werden.

Dazu gehört auch die Aufgabe, sich von allen Abhängigkeiten zu befreien, was bedeutet, Freiheit und Verbundenheit in Einklang zu bringen, um wirklich lieben zu können. Sehr überzeugend wird dies von Gerald Hüther und Maik Hosang in ihrem gemeinsamen Buch "Die Freiheit ist ein Kind der Liebe – Die Liebe ist ein Kind der Freiheit" vermittelt.


Quelle der Zitate:

Gerald Hüther: „Was wir sind und was wir sein könnten“
Fischer – Verlag – ISBN 9-783-596-18850-5

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