ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Die heilende Kraft der Bewusstheit

Anlage zum "ZENtrum Aktuell 5/6 2012

Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe "ZENtrum aktuell", Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums eng verbunden sind. "Die heilende Kraft der Bewusstheit" ist ein Kapitel aus dem Buch von Roger Walsh "Die Erfahrung gelebter Spiritualität".

Roger Walsh M.D.,Ph.D.

R. Walsh ist Professor für Psychiatrie, Philosophie und Anthropologie an der Universität of California in Irvine. Er gehört zu den führenden Vertretern der transpersonalen Psychologie und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Bewusstseinsforschung und integraler Spiritualität.

Die heilende Kraft der Bewusstheit

Einleitung

Statt der Beschreibung des ganzen Buches, beschränke ich mit Auszügen aus einem Kapitel mit dieser Überschrift.
Das Buch 'Die Erfahrung gelebter Spiritualität' beschreibt sieben Wege, Spiritualität zu leben, die sich gegenseitig ergänzen. Einer dieser Wege ist, mit mehr Bewusstheit zu leben. Da dieses Thema besonders mit den Zielen und den Inhalten der Workshops im ZENtrum verbunden ist, werden die ausgewählten Auszüge sehr viel Vertrautes vermitteln und einiges auch wieder auffrischen, d.h. bewusst machen.

Die Auszüge

Die Kosten der Unbewusstheit

"Unbewusst zu leben, kommt uns teuer zu stehen. Was jeder Augenblick uns bringt, hängt von unserer Aufmerksamkeit ab, die wir ihm zuwenden, und die Qualität unserer Erfahrung spiegelt die Qualität unserer Bewusstheit wieder.
Gewöhnlich bringen wir unserer Erfahrung viel weniger als unsere volle Bewusstheit entgegen. Versunken in Erinnerungen aus der Vergangenheit, hypnotisiert von Fantasien über die Zukunft, gehen wir durch das Leben wie Schlafwandler und bezahlen mit Zerstreutheit, Entfremdung, Automatismen und Verblendung."

"Es gibt keine andere Zeit als diesen Augenblick. Wie ein unbekannter Dichter es formulierte:

Die Vergangenheit ist Geschichte,
die Zukunft ein Mysterium,
dieser Augenblick ist ein Präsent,
weshalb er Präsens genannt wird.“

"Wir alle kennen die Symptome. Wir lesen ein Buch und merken plötzlich, dass wir keine Ahnung haben, was auf den letzten Seiten stand. Im Umgang mit Menschen überhören wir einen Teil des Gesprächs und die feinen emotionalen und sozialen Signale, die für zwischenmenschliche Kommunikation so wesentlich sind. Das liegt nicht nur daran, dass wir uns nicht konzentriert haben. In diesen Zeiten, wenn wir uns verloren haben, sind wir so bewusstlos, dass wir den gegenwärtigen Augenblick nicht wahrgenommen haben."

"Sehr weit verbreitet ist das Problem der Selbstentfremdung. Wir kennen unser Bewusstsein, unsere innere Tiefe nicht. Wir wissen nicht, wer oder was wir wirklich sind. Folglich identifizieren wir uns mit äußerlichen Aspekten unseres Selbst, insbesondere mit unserem Körper. Wir halten uns für ein mit Haut umhülltes Ich.... Psychologen stellen fest, dass wir in fataler Weise nicht in Berührung mit uns selbst sind. James Bugental schrieb:

Ein großer Teil des Leidens vieler Menschen ist nicht in unerheblichem Maß darauf zurückzuführen, dass wir als Verbannte aus unserem Heimatland, der inneren Welt der subjektiven Erfahrung , leben....Unser Heimatland ist unser Inneres, und hier sind wir Souverän. Solang wir diese uralte Tatsache nicht persönlich, jeder auf seine einmalige Weise wiederentdecken, sind wir dazu verbannt, umherzuirren und Trost zu suchen, wo keiner zu finden ist, in der Außenwelt.

Der bekannte Wirtschaftswissenschaftler E.F. Schumacher beschrieb das Dilemma so:

Die meisten von uns agieren größtenteils mechanisch, wie Maschinen. Das spezifisch menschliche Vermögen der Bewusstheit unserer selbst schläft, und der Mensch reagiert wie ein Tier - mehr oder weniger intelligent - lediglich auf verschiedene Reize. Nur wenn ein Mensch von seiner Fähigkeit der Bewusstheit seiner selbst Gebrauch macht, erreicht er den Status einer Person, die Stufe der Freiheit. In diesem Augenblick lebt er, statt gelebt zu werden."

Die Vorzüge eines achtsamen Lebens

"Konzentration gestattet uns, unsere Aufmerksamkeit auf jede beliebige Erfahrung zu lenken, mit Achtsamkeit können wir diese zugleich sensibel erforschen. Achtsam zu leben heißt, alles mit größerer Bewusstheit zu tun, in jedem Augenblick innerlich anwesend zu sein und feine Nuancen des Erlebens wahrzunehmen. Achtsamkeit hat fünf Vorzüge: Sie steigert die bewusste Wahrnehmung unserer Beziehungen, unserer Umwelt und unserer inneren Welt. Sie befreit uns außerdem von Automatismen und heilt unseren Geist."

"Achtsamkeit erlaubt uns, Empfindungsnuancen zu erkennen und zu würdigen: den feinen Geschmack oder das Aroma von Speisen, den Rhythmus einer Musik im Hintergrund, den Farbteppich einer Landschaft in freier Natur. Achtsamkeit ist das beste Mittel gegen Zerstreutheit. Studien zeigen, dass diejenigen, die Meditation der Achtsamkeit üben, schneller und sensibler auch auf äußere Reize reagieren. Sie berichten von einer unerhört gesteigerten Bewusstheit ihrer Innenwelt und geistigen Funktionen."

"Verfeinerte Sinne beschenken uns in der Hauptsache mit drei Dingen:

  1. Wir können jeden Augenblick mehr genießen und würdigen.
  2. Die Gier nach immer neuen Erfahrungen nimmt ab, weil jede Erfahrung reicher und befriedigender wird.... Aus dem Vielfraß wird ein Genießer.
  3. Die Verfeinerung der Sinne ist ein hervorragendes geistiges Training. 'Sie führt zu einem gefestigten Geist`(Patanjali).

"Je mehr Bewusstheit wir erlangen, desto mehr sind wir in der Lage, nicht nur die äußere, sondern auch die innere Welt präzise wahrzunehmen. Vieles, das vorher unbewusst war, wird jetzt bewusst. Das Unbewusste bewusst zu machen, ist sei Sigmund Freud Sinn und Zweck jeder tiefen Psychotherapie. Darum geht es im Wesentlichen auch in der Meditation seit Tausenden von Jahren, und einer meditativen Bewusstheit erschließen sich sogar noch viel tiefere Schichten als der Psychotherapie."

"Achtsamkeit ist heilend. Viele der fatalen, selbstzerstörerischen Dinge, die wir tun, entspringen automatischen, unbewussten Reaktionen. Wir fühlen uns einsam, und plötzlich fällt uns ein, dass wir eine Schachtel Pralinen noch nicht aufgegessen haben. Wir sind von einer beiläufigen Bemerkung verletzt und beschädigen eine Freundschaft, indem wir automatisch zurückschlagen. Die Reaktionen entspringen der Achtlosigkeit und können durch Achtsamkeit verhindert werden. Das bedeutet, uns dessen bewusst zu sein, wenn wir nach einer Zigarette, einem Stück Schokolade greifen, und dass wir daher eine Wahl haben, so weiter zu machen oder anders reagieren zu wollen."

"Mit der Entwicklung von Achtsamkeit bemerken wir allmählich nicht nur unsere destruktiven Handlungen, sondern auch leidvolle Emotionen wie Zorn und Einsamkeit oder die Angst, die jeweils dahinter stehen. Diese Emotionen wuchern vor sich hin, solange sie unerkannt in der Dunkelheit des Unbewussten nisten, aber sie schrumpfen im Licht der Bewusstheit."

"Psychotherapeuten sind sich einig, dass Bewusstheit zutiefst heilend wirkt. Der therapeutische Fortschritt hängt vom Grad der Bewusstheit ab. 'Das Bemühen, bewusster zu werden, ist bereits Therapie' erklärt ein Jungianischer Therapeut. Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, äußerte sich ganz ähnlich: 'Bewusstheit an sich kann heilend wirken.' Für Carl Rogers, einer der bedeutendsten modernen Psychologen Amerikas, war Bewusstheit gleichbedeutend mit psychischer Gesundheit."

"Voll funktionsfähige Menschen sind in der Lage, alle Gefühle zu erleben, ohne sich davor zu fürchten, indem sie ihre bewusste Wahrnehmung frei in ihre Erfahrungen ein- und durch sie hindurchfließen lassen."

Die Forschung stützt diese Behauptungen. Dutzende von Studien deuten darauf hin, dass meditative Bewusstheit psychische sowie psychosomatische Störungen lindern kann. Meditation kann bei Angstzuständen, Stress, Schlaflosigkeit, Suchtverhalten und Depressionen eine Hilfe sein....Bei Meditierenden zeigen sich u.a. mehr Reife, mehr Kreativität, mehr Selbstkontrolle, mehr Befriedigung in der Ehe und eine höhere Verwirklichung ihres psychischen Potentials.

Übungen zur Bewusstwerdung:

  1. Achtsam essen: Freude haben an den Speisen
  2. Musik mit Achtsamkeit hören
  3. Ein guter Zuhörer werden
  4. Schönheit im gegenwärtigen Augenblick finden
  5. Die Körperwahrnehmung steigern
  6. Meditation der Achtsamkeit
  7. Achtsam reden

(Die Übungen werden im Buch ausführlich beschrieben.)

Andere Themen aus dem gleichen Buch können hier abgerufen werden:

Das Buch:

Roger Walsh
Die Erfahrung gelebter Spiritualität
Theseus Verlag
ISBN 978-3-7831-9515-6