ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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GANZ DA
EINFACH UND KONTEMPLATIV LEBEN

Anlage zum "ZENtrum Aktuell" 9/10 2019

Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe 'ZENtrum aktuell', Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums wie auch mit denen meines Buches 'Das Leben leben' eng verbunden sind. Im Folgenden die Vorstellung des Buches "GANZ DA" von Richard Rohr

Richard Rohr

Richard Rohr ist Franziskanerpater, Gründer des Zentrums für Aktion und Kontemplation in New Mexico/USA, ist eine prophetische Stimme für spirituell suchende Menschen auf der ganzen Welt. Seine Bücher sind weltweite Erfolge und wurden zu entscheidenden Inspirationen für gegenwärtige spirituelle Suchbewegungen. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Ausbildung einer zeitgenössischen christlichen Spiritualität.

Einleitung und Hinführung zum Inhalt

GANZ DA ist eine Sammlung von kurzen Meditationen und Übungen für jeden Tag. Sie laden uns ein, die Schönheit des Augenblicks in seiner wunderbaren Alltäglichkeit zu erfahren und darin zu verweilen. Richard Rohr leitet dazu an, die Räume unseres Herzens offen zu halten, damit der Verstand neue, bisher verborgene Gefühle wahrnehmen kann. Dabei ermutigt er dazu, die Kontemplation zur Quelle unseres Lebens werden zu lassen als Grundlage für ein gesundes Selbstverhältnis und für die Fähigkeit zu echtem Mitgefühl.“ (Text auf der Rückseite des Buches)

Dieser Text gibt treffend wieder, dass dieses Buch uns ermutigt, den konditionierten permanenten Gedankenfluss in unserem Gehirn zur Ruhe zu bringen um in diesem Ganz Da-Sein die Wirklichkeit des Augenblicks zu erfahren und sich daran erfreuen zu können.

In Geleitwort zu diesem Buch schreibt der Autor Andreas Ebert: „Richard Rohr hat nie zuvor (Anm.: in seinen zahlreichen Büchern zuvor) so prägnant und kompakt auf den Punkt gebracht, was sein Herzensanliegen ist, das sich wie ein roter Faden durch seine mündlichen wie schriftlichen Veröffentlichungen zieht…. Er ruft seine Leserinnen und Leser zum Da-Sein auf. Er tut dies in drei Schritten. In der Einleitung des Buches erklärt er, was Kontemplation bedeutet. In den Kapiteln 1 – 3 beleuchtet er einzelne Aspekte dieses spirituellen Weges. Um im 4. Kapitel bietet er zwölf praktische Übungen für den Alltag an, die dazu beitragen können, dass das alles kein interessantes geistiges Konzept bleibt, sondern den Weg vom Kopf ins Herz, in den Körper und hinaus in die Welt findet." Eine Einleitung, die man nicht besser formulieren kann!

Auszüge und Zitate

Ganz da ist in erster Linie ein Buch über das Sehen, allerdings eine Art des Sehens, die viel mehr ist als bloßes Hinschauen, weil es zugleich Erkennen in Gefolgschaft von Wertschätzung beinhaltet. Dies ist eine Art des Sehens, die wir in der Kontemplation üben, dem Herzstück jedes authentischen inneren Dialogs. Der kontemplative Geist zeigt uns nicht, was wir sehen sollen, sondern lehrt uns, wie wir das sehen können, was wir vor Augen haben.“

Kontemplation erlaubt uns, die Wahrheit der Dinge in ihrer Ganzheit zu schauen. Es handelt sich um einen geistigen Übungsweg und ein Geschenk, das uns – sogar neurologisch – von der Abhängigkeit unserer fixierten Denkweise befreit, von unserer linken Gehirnhälfte, die denkt, sie hätte alles im Griff. Wir hören auf, unserem winzigen, binären Verstand zu glauben, der alles auf zwei Wahlmöglichkeiten reduziert und sich dann in der Regel mit einer davon identifiziert und wir beginnen, die Unzulänglichkeit dieser beschränkten Art und Weise, die Wirklichkeit wahrzunehmen, zu erkennen.“

Der spirituelle Weg ist ein ständiges Zusammenspiel des Staunens, auf die in der Regel ein Prozess der Hingabe an solch einen Moment folgt. Wir müssen zunächst zulassen, dass wir von der Güte, Wahrheit oder Schönheit einer Realität gefesselt werden, die jenseits und außerhalb unseres selbst liegt. Ausgehend von diesem wunderbaren Augenblick schließen wir dann auf die Güte, Wahrheit und Schönheit einer Realität der gesamten Wirklichkeit – bis unsere Wahrnehmung schließlich zurückwirkt und uns selbst einschließt! Dies ist der großartige innere Dialog, den wir Gebet nennen…. Das Ego stellt sich dem Staunen in den Weg, während der Wille der Hingabe widerstrebt. Aber beide zusammen sind notwendig und lebenswichtig.

„Echte spirituelle und emotionale Reife sind die Voraussetzung für die Erkenntnis, dass unsere Reaktion immer und letztlich von selbst kommt – auch wenn es viel einfacher ist, Verantwortung und Schuld andernorts zu suchen, anstatt zu unserer eigenen inneren Freiheit zu finden....Solange unsere Egos die Kontrolle haben, werden wir so gut wie sicher auf diese Überlebenstechnik zurückgreifen. Ich beziehe das gesamte Leben auf mich als zentralen Bezugspunkt, und das ist eine viel zu kleine Welt. Jesus würde sagen, solche Leute haben sich nicht selbst verloren – und deshalb können sie sich auch nicht selbst finden. Man lese dies zweimal!“

Echte Genesung von Abhängigkeiten hat mit einer einfachen und tiefen Verbundenheit mit allem, was ist zu tun. Tiefe Verbundenheit ist unser Ziel und befreit uns von jeder Einsamkeit, Isolation und Langeweile; sie geht weit darüber hinaus, nur das Suchtverhalten zu stoppen. Das ist erst einmal nur ein Aufräumen oder vielleicht sogar Reifen, aber letztlich geht ums Aufwachen! Also lerne, gehe hin und genieße, und ruhe in innerer Zufriedenheit und in Seelenfrieden – ein voller Tank mit frischem Wasser, sowohl vor dem Erfolg als auch nach dem Scheitern - und dann besitzt du, was dir keiner wegnehmen oder geben kann. Du wirst bereit sein für viele Augenblicke des Staunens – und du wirst zu jeder Hingabe fähig sein, die eine grundlegende Einheit und Freude mit sich bringt. – Denke daran: Der gesamte Prozess beginnt meist mit einem langen und lustvollen Moment des Staunens, eines durch und durch ehrlichen Moment, in dem man sagt: ‚Ich bin ganz da!‘

Wachbleiben ist kein Akt der Willenskraft, sondern ist Folge einer beherzten Hingabe an den Augenblick, wie er ist. Wenn du präsent sein kannst, erfährst du, was die meisten von uns unter ‚Gott‘ verstehen, und du wirst es nicht einmal Gott nennen müssen. Vorrausetzung dafür ist, Widerstand gegen das fahren zu lassen, was der jeweilige Augenblick bietet, und unser Anhaften an einen vergangenen Augenblick aufzugeben. Es ist ein Akzeptieren der gesamten Realität, die hier und jetzt ist. Das wird deine Lebensaufgabe sein bis zum Schluss. Man kann durch keine Methode dorthin kommen; man kann nur dort sein. Die reinste Gestalt von Spiritualität besteht darin, Gott in dem zu finden, was direkt vor dir liegt – die Fähigkeit, das anzunehmen, was der französische Jesuit und Mystiker Jean-Pierre de Caussade (1675-1751) ‚das Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks‘ nannte.“

„Um wirklich bewusst zu leben , müssen wir Abstand gewinnen zu unserer zwanghaften Identifikation unserer unhinterfragten Anhaftung an unser isoliertes Selbst – jener primären Illusion. Reines Bewusstsein bedeutet nicht, einfach nur ich zu sein, gefangen in mir selbst. Es ist eher ein Beobachten meiner selbst aus einem gewissen Abstand….Von dort mit wesentlich schärferen und anders ausgerichteten Augen als mit unseren eigenen. Die meisten von uns verstehen diese Art von Bewusstheit nicht, weil wir total mit den eigenen vorübergehenden Gedanken, Gefühlen und zwanghaften Wahrnehmungsmuster identifiziert sind. Wir haben keine angemessene Distanz zu uns selbst, welche uns paradoxerweise gestatten würde, unsere fundamentale Verbundenheit mit allem anderen zu sehen. Diese radikale Verbundenheit ist Heiligkeit.“

„Wann immer dein Herz, dein Kopf und dein Körper gleichzeitig in Einklang sind, kannst du pure Präsenz erleben, einen Moment einer inneren Verbundenheit mit dem reinen geschenkten Sein von allem und jedem. Das erlebt man oft als einen kleinen Freudensprung des Herzens. Kontemplation ist ein Einüben der Bereitschaft, alle drei Räume lang genug offen zu halten, damit du weiteres verborgenes Material bemerken kannst. Wenn du das tun kannst, dann bist du mit dem gegenwärtigen Augenblick zufrieden und kannst dich auf Zukünftiges einstellen, das, wie du jetzt weißt, dir aus Gnade geschenkt werden wird.“

„Das ist ganzheitliches Erkennen – nicht irrational, wohl aber intuitiv, rational und trans-rational zugleich. Hauptaufgabe einer Spiritualität, die Präsenz ermöglicht, ist es, den Herzensraum offen zu halten (das Erlebnis von bewusster Liebe) bei wachem Verstand zu bleiben (die Hauptaufgabe der Kontemplation und Meditation) und den Leib lebendig zu halten – ausgeglichen und ohne Anhaftung an seine früheren Verwundungen (häufig das Werk der Heilung). In diesem Zustand gibt es weder Abwehr noch Anhänglichkeit und du kannst etwas wirklich Neues erleben.“

„Wenn du deinen Geist beobachtest, dann wirst du feststellen, dass du die meiste Zeit deines Lebens in der Vergangenheit oder in der Zukunft verbringst. Die Gegenwart scheint immer langweilig und nicht genug zu sein. Um dich irgendwie zu beschäftigen, wirst du oft ‚ein Problem schaffen‘, um es zu lösen, und dann wieder eins und noch eins. Die einzige Art sich zu motivieren, die viele Leute kennen, besteht darin, Probleme zu schaffen oder das Bedürfnis zu entwickeln, irgendetwas zu ‚reparieren‘. Wenn Du im Hier und Jetzt nicht positiv präsent bleibst, wird dir nie etwas Neues wiederfahren. Du wirst dann nur erleben, was du ohnehin schon kennst und was dich nicht bedroht – und du wirst nie die unerwartete Tiefe und Zufriedenheit erleben, die dir jederzeit angeboten wird… Es gibt kein Problem zu lösen, da ist nur eine unmittelbare Nähe, die genossen werden will. – Genau so ein Moment ist es, der bei dir sowohl Staunen als auch Hingabe auslösen kann: Staunen über das völlig Unverdiente und Unerwartete – und eine Art genussvolle Hingabe an das Faktum, das dies tatsächlich wahr sein könnte.“

„Wir scheinen von unserem Bedürfnis abhängig zu sein, Unterschiede und Urteil festzuzurren, einen Zustand, den wir mit Denken verwechseln. Die meisten glauben, wir sind unser Denken, aber fast alles Denken ist zwangsautomatisch, eingefahren und nichts als Gewohnheit….Deshalb lehren alle Formen und Kontemplation einen Weg, wie dieser zwanghaft getriebene und unbewusst programmierte Geist zur Ruhe gebracht werden kann… Wir sind ja so viel mehr als unsere Gedanken und Meinungen, und wir werden das eher als ein Verlernen erleben als ein Erlernen irgendeines neuen Inhalts.

„Wenn du aufwachst, dann überwindest du dein Getrenntsein. Du beginnst zu begreifen, dass du nicht irgendwo da draußen nach Gott Ausschau hältst, sondern dass du die Dinge von Gott her schaust. Du erwachst, wenn deine selbstschützenden Egogrenzen sich aufzulösen beginnen und durchlässiger werden.

„ In deinem Leben geht es eigentlich nicht um dich; du bist Teil eines viel größeren dynamischen Stroms, der Das „Leben Selbst“ heißt – oder schlicht und einfach nur Gott. Der Glaube muss den Fluss nicht in Gang setzen…Der Fluss ist Gottes unendliche Liebe. Ohne ein gewisse Wahrnehmung, dass du von diesem immerwährenden Fluss getragen wirst und ein Teil von ihm bist, wirst du den Sorgen und Ängsten deines Egos erliegen.“

„Wenn du kontinuierlich meditierst, dann fällt das Gefühl der eigenen Autonomie und der individuellen Wichtigkeit deines Selbst – dessen, was du für dein „Selbst“ hältst – allmählich ab und erweist sich als unnötig, als unwichtig und sogar als kontraproduktiv. Das kaiserliche ‚Ich‘, jenes Selbst, das du vermutlich für dein einziges Selbst hältst, erweist sich weitgehend als Kreatur deines eigenen Geistes. Durch regelmäßige Rückkehr zum kontemplativen Üben wirst du immer weniger interessiert sein, diese selbstgebastelte relative Identität zu verteidigen. Du musst sie nicht bekämpfen; still und leise fällt sie zu gegebener Zeit von dir ab und du erlebst eine Art von natürlicher Demut.“

„In der Meditation erfährst du eine Bewegung vom Ego-Bewusstsein zur Bewusstheit der Seele. Du wirst nicht mehr von Furcht getrieben sondern von der Liebe gezogen. Eigentlich ist das schon alles.“

Zusammenfassung und Ergänzung

Das letzte Zitat fasst zusammen, was in den Zitaten zuvor mit anderen Worten beschrieben wird. Es geht um das Erwachen aus diesem unbewussten Zustand mit zwanghaftem Denken, in dem wir von dem konditionierten Autopiloten in unserem Gehirn gesteuert werden, zu einem Zustand des reinen Seins unserer Seele, die wir nicht haben sondern sind. In diesem Bewusstsein sind wir mit nichts identifiziert. Wir können uns bewusst mit unseren Rollen im Leben identifizieren, wie der Schauspieler auf der Bühne, wissen aber, dass wir nicht diese Rolle sind.

Im Ego-Bewusstsein leben wir nicht wirklich sondern existieren lediglich. Dies drückte wohl auch Oscar Wilde mit seinem Zitat aus: „To live is the rarest thing in the world. Most people exist and that is all.“ „(Wirklich) zu leben ist das seltenste Ding auf der Welt. Die meisten Menschen existieren, und das ist Alles.”

Wenn wir wirklich leben, können wir auch wieder staunen über die vielen Dinge, die uns täglich begegnen, so wie das Kind noch staunen kann, weil es wach, da ist und nicht in Gedanken verloren ist, wie es dann später beim Erwachsenen geschieht. In dieser Präsenz ohne Gedanken an Vergangenheit und Zukunft können wir uns wieder ganz hingeben mit dem Urvertrauen, mit dem wir geboren wurden, was uns aber mit der Zeit von unserem Umfeld genommen wurde, da die meisten Menschen überwiegend in diesem Ego-Bewusstsein leben und vom Überlebenstrieb getrieben wurden, was zu Ängsten führt. Daher bezeichnet Richard Rohr Staunen und Hingabe als wesentliche Kennzeichen für wirkliches Leben.

Das Ziel ist, zum wirklichen Leben zu erwachen und dann überwiegend wach zu bleiben. Dieses Ziel wird wohl nie wirklich völlig erreicht werden. Es ist eine Lebensaufgabe. Der Ausspruch „Der Weg ist das Ziel“ passt sehr gut zu diesem Prozess unseres Bemühens, wach, das heißt lebendig zu bleiben. Es wird immer wieder Rückschläge geben und dann muss man wieder aufwachen, um wieder neu zu beginnen. Kontinuierliche Meditation, am besten zum Beginn des Tages, ist das, was uns auf diesem Weg der Befreiung vom Ego-Bewusstsein unterstützt. Es ist auch meine eigene Erfahrung.

Neben der regelmäßigen formellen Meditation empfehle ich, sich auch tagsüber häufig „Atempausen“ zu gönnen, d.h. für ein paar Sekunden ein paar Atemzüge bewusst wahrzunehmen. Dies hilft beträchtlich, diesen Zustand des Wachseins immer wieder neu zu erfahren und aus ihm zu leben. Es gibt immer wieder Situationen, in denen man vielleicht auf etwas warten muss oder man sich einfach etwas ausruht. Statt, wie es meistens geschieht, von diesem unruhigen Geist beherrscht zu werden und in „Gedanken verloren“ zu sein, können wir aus diesen wenigen Sekunden der Präsenz Kraft schöpfen und die nächsten Dinge wieder bewusster erledigen.

Neben kontinuierlicher Meditation und „Atempausen“ empfehle ich, etwas in den Alltag zu integrieren, was Jon Kabat Zinn Kultivierung von Achtsamkeit nannte(Kabat Zinn wurde weltbekannt durch sein Achtsamkeitstraining, mit dem er Menschen half, besser mit Stress, Angst und Krankheiten umgehen zu können.). Dabei geht es, wie schon erwähnt, nicht um ein Lernen von etwas Neuem sondern mehr um ein Verlernen von konditionierten Verhaltensmustern, die es erschweren, glücklich und zufrieden leben zu können. Wer sich auf diese Kultivierung einlässt, dem wird es immer mehr gelingen, dieses von Richard Rohr beschriebene kontemplative Leben in die Praxis umzusetzen, weil man bei dieser „Kultivierung“ „ganz da sein“ muss.


Quelle der Zitate:

Richard Rohr - "Ganz da - Einfach und kontemplativ leben“
Claudius Verlag
ISBN 978-3-532-62823-2

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