ZENtrum für Psychosynthese und Meditation
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Anlage zum "ZENtrum Aktuell 9/10 2020

Endloses Bewusstsein

Neben der aktuellen Information über das Workshop-Programm ist das Anliegen der Info-Briefe 'ZENtrum aktuell', Autoren und ihre Veröffentlichungen vorzustellen, deren Themen mit dem Geist und den Zielen des ZENtrums wie auch mit denen meines Buches 'Das Leben leben' eng verbunden sind. Im Folgenden stelle ich das Buch „Endloses Bewusstsein“ von Pim van Lommel vor. Der Autor des Buches, Pim van Lommel, geboren 1947, war als Kardiologe in leitender Position im Rijnstate Krankenhaus in Arnheim tätig. Seit 1986 untersucht er Nahtoderfahrungen aus wissenschaftlicher Sicht. Seine Erkenntnis ist, dass selbst bei einem Herzstillstand und dem Ausfallen von Atmung mit der Diagnose „klinisch tot“ die Menschen immer noch etwas wahrnehmen können.

Einleitung zur Buchbesprechung

„In diesem Buch illustriert der Autor seine Untersuchungen mit eindringlichen Erfahrungsberichten von Menschen mit Nahtod-Erfahrungen. Seine Erkenntnisse sind spektakulär und stellen die üblichen Erklärungsmodelle in Frage. Selbst wenn das Gehirn nachweislich nicht mehr funktioniert, können Menschen ein klares Bewusstsein erfahren – eine Erkenntnis, die uns zwingt über Leben und Tod neu nachzudenken.“ (Text auf der Rückseite des Buches).

Wer bin ich?

Diese Erkenntnis geht über diese Aufforderung, „nur“ über Leben und Tod nachzudenken, hinaus. Sie kann Aufschluss darüber geben, was wir als Menschen in der Essenz unseres menschlichen Daseins, unserer wahren Natur, sind.

Bisher hatten überwiegend spirituell erwachte Menschen dazu eine Antwort. Der indische spirituelle Lehrer Nisargadatta Maharaj hat dies so formuliert:

Um zu wissen, wer du bist, musst du zunächst das untersuchen und erkennen, was du nicht bist. Entdecke alles, was du nicht bist: Körper, Gefühle, Gedanken, Zeit und Raum,dies oder das.
Nichts, was du konkret oder abstrakt wahrnimmst.Je genauer du verstehst, dass du auf der Ebene des Verstandes nur in negativen Begriffen beschrieben werden kannst umso schneller wirst du zum Ende deiner Suche kommen und realisieren, dass du unbegrenztes (Bewusst-)Sein bist

„Endloses Bewusstsein“, der Titel des vorgestellten Buches, ist eine Antwort auf die zu Beginn gestellte Frage, ob es ein Bewusstsein gibt, das auch nach unserem körperlichen Tod weiterhin existiert. Lommel gewann diese Erkenntnis aus Berichten von Menschen, die diesen Gehirn- und Herz-Stillstand für eine gewisse Zeit erlebt hatten, und dabei trotzdem weiterhin im Zustand eines Bewusstseins waren, das ihnen ermöglichte, deutliche und zum Teil sehr tief gehende Erfahrungen zu machen. Lommel folgerte daraus, dass „die Nahtod-Erfahrung ein Aspekt des endlosen Bewusstseins ist.“ Er schreibt:

„Dem allumfassenden Bewusstsein hat man viele Namen verliehen. Ich nenne es endloses oder nicht-lokales Bewusstsein. Aber es wurde auch das höchste, kosmische, das göttliche Bewusstsein, die reine Quelle oder das Wesen unseres Bewusstseins genannt. Andere ziehen Namen wie grenzenloses oder transpersonales Bewusstsein oder Einheitsbewusstsein vor.“

Berichte von Menschen mit Nahtod-Erfahrungen

Pim Lommel hat zahlreiche Berichte von Menschen mit Nahtod-Erfahrungen beschrieben. Hier ein Beispiel:

„Ich war auf der anderen Seite...Die andere Dimension, in der es keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, in der es weder Zeit noch Raum gibt. Und eine unermessliche reine, intensive Liebe, die die Liebe in unserer heutigen menschlichen Dimension verblassen lässt. Die Verlogenheit, in der wir in unserer Dimension leben, tritt klar hervor…. Alles, was ich sah, war von einer unbeschreiblichen Liebe durchdrungen. Das Wissen und die Botschaft, die mich durchströmten, waren so klar und rein. Ich wusste auch, wo ich war, gab es keinen Unterschied zwischen Leben und Tod. Die Enttäuschung, dass ich es nicht in menschliche Worte fassen kann, ist groß. Als ich wieder in meinem Körper zu mir kam, was das einfach schrecklich. Diese Erfahrung war so wundervoll, ich wollte nie mehr zurückkommen, ich wollte dort bleiben… und trotzdem kam ich zurück…. Später erst erkannt ich, welch ein Segen diese Erfahrung für mich war, denn nun hatte ich die Gewissheit, dass es eine Trennung von Körper und Geist und ein Leben nach dem Tod gibt.

Erkenntnisse des Autors Pim van Lommel aus diesen Erfahrungen:

„Viele Menschen empfinden zunächst die überwältigenden Gefühle von Frieden, Freude und Glückseligkeit sowie auch von Schmerzfreiheit.“
„Die Berichte von Menschen, die eine NTE erlebt haben, berühren und beeindrucken mich immer wieder aufs Neue. In dem Moment, in dem sie ihre Erfahrungen mit jemandem teilen wollen, ist ihre Wahrhaftigkeit immer spürbar. Aber in ihren Formulierungen liegt Zurückhaltung, denn Menschen mit einer solchen Erfahrung wissen, dass sich ihre unbeschreibliche Erfahrung nicht einfach in Worte fassen lässt. Und es ist für sie sehr gut nachvollziehbar, dass andere ein solche NTE kaum begreifen können und an ihr zweifeln. Denn die meisten hatten selbst Mühe, ihre überwältigende Erfahrung zu verstehen und zu akzeptieren.“
„Die Erfahrung, dass man sich während einer Nahtoderfahrung, nachdem man den Körper für eine Weile verlassen hatte, als Person überhaupt nicht anders gefühlt hatte, führt zu der Überzeugung, dass der Tod etwas ganz anderes ist als man sich vorgestellt hatte…In den meisten Fällen verringert sich durch diese Erfahrung die Angst vor dem Tod beträchtlich…Ohne Furcht vor dem Tod packt man sein Leben anders an. Manche Aspekte gewinnen an Bedeutung, andere hingegen werden völlig unwichtig… Fast alles Vergängliche und Materielle verliert an Bedeutung“
„Im Allgemeinen verstärken sich die religiösen Gefühle, ich ‚glaube‘ nicht mehr an Gott, der Glaube ist zu einer absoluten Gewissheit geworden. Aber er hat nichts mehr mit der Kirche zu tun.“
„Man ist versöhnlicher, toleranter, urteilt weniger über andere und ist insgesamt gefühlsvoller. Man ist mitfühlender, fürsorglicher und sucht stärker nach bedingungsloser Liebe… Man verspürt ein starkes Gerechtigkeitsgefühl und den Drang, die Wahrheit zu sagen und offen auszusprechen, was man denkt. Hatte man früher vielleicht eine aggressive Haltung, so ist diese nach der Nahtoderfahrung völlig verschwunden. An ihrer Stelle tritt ein starkes Bedürfnis, anderen Menschen nützlich zu sein, ihnen zu helfen und sie zu unterstützen.“
„Ich selbst bin der Meinung, dass wir von Menschen, denen es gelingt, diese außergewöhnliche Erfahrung in Worte zu fassen, viel über das menschliche Bewusstsein und seine Beziehung zum Gehirn lernen können. Die Suche nach einer Erklärung für die Ursache und den Inhalt der Nahtoderfahrung stellt daher auch eine große wissenschaftliche Herausforderung dar.“
Diese Erfahrung kann mit einem neuen Selbstwertgefühl einhergehen. Der Wandel des Selbstbildes macht einen unabhängiger von der Anerkennung anderer. Man kann mit Stress besser umgehen, wird abenteuerlustiger und geht größere Risiken ein. Man entwickelt eine andere Einstellung zum eigenen Körper und wird sich seiner Denkmuster bewusst. Man denkt mehr in größeren Zusammenhängen, verstrickt sich weniger in Details und kann sich eher eine objekive Meinung bilden, läuft damit jedoch auch Gefahr, sich von anderen Menschen zu distanzieren.
„Das Erleben transpersonaler Aspekte während einer Nahtoderfahrung vermitteln ein neues Bewusstsein dafür, was man im tiefsten Innern seines Wesens ist. Mit transpersonalen Aspekten sind hier Anteile des menschlichen Bewusstseins gemeint, die über das Persönliche und das Ego hinausgehen.“

Transpersonale Erfahrungen

Die Erfahrungen dieser Menschen in diesem Zustand von Herz- und Gehirnstillstand, stimmen mit Erfahrungen überein, die uns bereits als mystischen bzw. transpersonalen Erfahrungen bekannt sind und auch zu dieser Bewusstseinsveränderung im Leben danach wie beschrieben geführt haben. Van Lommel hat dies auch erkannt, nachdem er sich eingehend auch über mystische und transpersonale Erfahrungen informiert hat. Er bezieht sich dabei u.a. auf Abraham Maslow, einen der Väter der Transpersonalen Psychologie, auf den Psychoanalytiker C.G. Jung, und auf Bewusstseinsforscher wie Ken Wilber, ganz besonders auch auf die Erfahrungen der Mystiker in allen Religionen.

Der Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger beschreibt in seinem Buch „Geh den inneren Weg“ die Erfahrungen von Menschen, die bei der Überschreitung ihrer personalen Ebene auf der Ebene ihres transpersonalen Bewusstseins hatten, wie folgt:

„Keine Zeit - kein Raum – kein Körper, nur Geist – kein Leben, kein Tod keine Vergangenheit – keine Zukunft – Glasklar und ohne Trübung – Ich bin alles – Ich bin die Urwirklichkeit “

Wer einmal diesen transpersonalen Bewusstseinszustand erfahren hat, lebt wie auch die Menschen nach einer Nahtoderfahrung anders. Die Angst vor dem Tod ist nahezu verschwunden. Leben ohne diese Angst führt zu einem anderen Leben, wie es die Berichte dieser Menschen beschreiben.

In unserer Zeit leben viele Menschen eine Spiritualität, die auf solchen mystischen bzw. transpersonalen Erfahrungen basiert. Für das spirituellen Portal Sein.de habe ich detailliert das Wesen und die Folgen von transpersonalen Erfahrungen beschrieben. Daher möchte ich daher in diesem Rahmen darauf verzichten, das mehr im Einzelnen zu wiederholen. Hier der Link zu diesem Beitrag: „Psychosynthese – Psychologie eines neuen Bewusstsein.“

Fazit zum Thema

Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Menschen aus ihrer Illusion, ein von der Natur getrenntes Wesen zu sein, das Geburt und Tod hat, zu erwachen. Die Natur selbst ist in seiner Essenz „Unendliches Bewusstsein“. Willigis Jäger nennt dieses Unendliche Bewusstsein auch Gott, „der im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Menschen als Mensch erscheint“. Während Pflanzen und Tiere instinktiv aus diesem Bewusstsein leben, hat die Möglichkeit des dualistischen Denkens beim Menschen, in dem es Subjekt und Objekt gibt, zu der Illusion geführt, dass er als ein von der Natur getrenntes Wesen existiert. Es ist das Ego, dass dieses Bewusstsein prägt und Identifikationen mit etwas braucht, um sich wahrnehmen zu können. In diesem Zustand, in dem man als ein Subjekt nur Objekte wahrnehmen kann, ist es nicht möglich sich selbst wahrzunehmen, da dieses Bewusstsein kein Objekt sondern Subjekt ist. Es ist wie das Auge, das alle Objekte sehen und wahrnehmen kann, sich selbst jedoch nicht. In einer transpersonalen Erfahrung wird dieses dualistische Bewusstsein jedoch transzendiert, Subjekt und Objekt verschmelzen miteinander. Dadurch kann diese Essenz unseres Seins auch wie von den Menschen beschrieben, erfahren. In der Nahtod-Erfahrung hat man auch das dualistische Bewusstsein überwunden.

Das Erwachen aus dieser Illusion des Getrenntsein und die Wahrnehmung, was der Mensch in seinem Kern ist, beschreibt Pim Lommel in seinem Buch nicht nur aus den Gesprächen mit Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten. Er bezieht sich auf die Erfahrungen der Mystiker in allen Religionen sowie insbesondere auf einen der Väter der Transpersonale Psychologie, Abraham Maslow, der als letzte Stufe bei der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins später Selbsttranszendenz (oder Selbstrealisierung) gesetzt hatte. Er nannte diese Erfahrung auch Transzendenz und Gipfelerfahrung (Peak-Experience). Die Ebene des Ego-Bewusstseins, dass diese Trennung braucht, wird überschritten.

Um dieses unendliche Bewusstsein auch wissenschaftlich erklären zu können, hat er auch die Erkenntnisse der Quantum-Physik untersucht und erklärt. Der Titel des Buches ist somit völlig berechtigt. Die Nahtod-Erfahrungen werden nur als eine Möglichkeit unter vielen anderen beschrieben, in denen man seine „wahre Natur“, dieses unendliche Bewusstsein erfahren kann. Begonnen hatte das alles für Lommel mit der Erkenntnis, dass unser Bewusstsein auch nach unserem körperlichen Tod, nach Herz- und Hirnstillstand, weiter existiert.

Um dieses Bewusstsein zu erfahren, so meinte er nach seinen Studien von transpersonalen Erfahrungen, muss man jedoch nicht bis zum Verlassen seines Körpers durch den Tod warten. In der spirituellen Sprache wird man aufgefordert, zu sterben bevor man körperlich stirbt. Das bedeutet, alles das bereits loszulassen, zu dem wir beim Verlassen unseres Körpers gezwungen werden, alles, mit dem wir uns identifizieren, wie oben von Nisaragadatta Maharay beschrieben.

Meditation oder andere Wege zur Stille, können zu einer solchen Erfahrung führen. Diese Menschen leben danach ähnlich wie die von Lommel beschriebenen Veränderungen von Menschen nach dieser Nahtod-Erfahrung. Der Kern dieser Veränderung ist, dass es diese Angst vor dem Tod nicht mehr gibt.

Man identifiziert sich mit etwas, was in der englischen Sprache sehr gut als einen Nobody bezeichnen kann. Nicht mehr Körper zu sein, sondern ihn zu haben, wäre eine Erklärung für dieses Wort. Man kann während seiner Lebenszeit jedoch auch jederzeit zu einem „Somebody“ werden, wenn man sich mit der Form, in der man lebt, identifiziert. Eckhart Tolle hat den Begriff Form-Identität dafür geprägt. Es ist unsere Rolle, die wir auf der Bühne unseres Leben spielen. Wie der Schauspieler wissen wir aber nun, dass wir nicht diese Rolle sind.

Quellen und weiterführende Literatur

Buchquelle zum Thema

Buchtitel: Endloses Bewusstsein
Autor : Pim van Lommel
Verlag: Patmos-Verlag (ISBN 978-38436-0522-9)
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